Einsatzleitung in Flut überfordert - Landrat «zweimal kurz gesehen»

Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der Flutnacht

Einsatzleitung in Flut überfordert - Landrat «zweimal kurz gesehen»

Mainz (dpa/lrs) - Die Technische Einsatzleitung (TEL) des Landkreises Ahrweiler war am Abend der verheerenden Sturzflut im vergangenen Juli völlig überfordert. Das haben Mitglieder der TEL am Freitag im Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe des Landtags sichtlich bewegt geschildert. «Die Geschwindigkeit hat uns überrannt», sagte der ehemalige Feuerwehrinspekteur des Kreises, Udo Schumacher, in Mainz. «Für mich ist über den Kreis Ahrweiler ein Tsunami gezogen», ergänzte der 64-Jährige. Eine TEL wie in dem kleinen Kreis Ahrweiler «ist mit so einer Lage überfordert, das müsste jedem bewusst sein».

Den ehemaligen Landrat Jürgen Pföhler (CDU) habe er während seines Einsatzes von etwa 15 Uhr am 14. Juli bis zum nächsten Morgen gegen 9 Uhr nur «zweimal kurz gesehen», davon einmal zu einem Fototermin mit Innenminister Roger Lewentz (SPD), sagte Schuhmacher. Unklar blieb nach mehreren Aussagen von TEL-Mitgliedern, wer in dem Gremium die wichtige Position S2 «Einsatz» inne hatte.

«Zu dem Zeitpunkt, als ich gegangen bin, gegen 1.30 Uhr, haben sich die Ereignisse überschlagen», berichtete Berufsfeuerwehrmann Kai Band über seinen zweiten TEL-Einsatz. «Es ging teilweise drunter und drüber.» Nach seiner persönlichen Wahrnehmung sei die TEL für ein solches Ereignis mit einer handvoll Leute unterbesetzt gewesen. «Es hat jeder sein Bestes gegeben», aber die Kommunikation über Telefon und Handy sei zeitweilig zusammengebrochen. Die Funker neben ihm hätten auch erhebliche Probleme gehabt, die Kommunikation mit der Leitstelle Koblenz aufrecht zu erhalten.

Anfangs hätten die schwankenden Pegelprognosen und die damit verbundene Frage, was auf die Region zukomme, viele Ressourcen gebunden. «Für mich war diese verheerende Katastrophe überhaupt nicht greifbar», berichtete der 31-Jährige aus Remagen über die TEL im Keller des Kreishauses.

Sascha Cremer, in der Kreisverwaltung für Brand- und Katastrophenschutz zuständig, war als stellvertretender Feuerwehrleiter von Bad Breisig mehrere Stunden ausgerückt und gegen 1 Uhr in die TEL zurückgekehrt. Zu diesem Zeitpunkt sei zwar klar gewesen, dass eine Flutwelle durchs Tal rolle. Aber: «Die gesamte Lage war mit Sicherheit keinem bewusst», betonte der 54-Jährige. «Ein komplettes Lagebild hatte man vielleicht an Tag 5, Tag 6, Tag 7.»

Die TEL sei von einem Jahrhunderthochwasser wie 2016 ausgegangen, sagte Schumacher. «Wir waren relativ schnell überfordert.» Solche Einsätze würden in keinem Lehrbuch gelehrt. «Wir konnten nur noch Schwerpunkte setzen.» Dennoch sei mit den möglichen Mitteln alles versucht worden. «Wir haben uns die Finger wund gewählt, um an Hubschrauber zu kommen.»

Bis zum Morgen seien sieben Katwarn-Meldungen abgesetzt worden, sagte Cremer. «An MoWaS hat keiner gedacht. Das hat keiner auf dem Schirm gehabt.» Mit dem Modularen Warnsystem (MoWaS) des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe können Behörden und Medien die Bevölkerung warnen. «Der Weg mit MoWaS ist sehr, sehr umständlich.» Für die überregionalen Medien sei ein Ok der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Voraussetzung.

Schumacher berichtete, Pföhler sei kurz vor dem Treffen mit Lewentz zum ersten Mal in der TEL gewesen. Dabei sei er ein Mal durch den Raum gegangen und habe kurz mit dem ehrenamtlichen Brand- und Katastrophenschutzinspekteur gesprochen, dem Leiter der TEL.

Gegen diese und den Landrat ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen womöglich zu später Warnungen und Evakuierungen. Der Brand- und Katastrophenschutzinspekteur machte deshalb am Freitag im Untersuchungsausschuss von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Pföhler ist am 8. Juli als Zeuge vor das Gremium geladen, das herausfinden will, wie es zu der Katastrophe mit 134 Toten und Hunderten Verletzten kommen konnte.

«Ich habe keinerlei Kontakt zum Landrat gehabt», sagte Schumacher. Ihm sei auch nicht bekannt, dass andere TEL-Mitglieder Kontakt zu Pföhler gehabt hätten oder es einen längeren Austausch mit dem TEL-Leiter gegeben habe. Von einem Landrat erwarte er, dass er sich ein Bild von der TEL mache, «wie die funktioniert und arbeitet» und dann seine gesamtpolitischen Kontakte für Aktivitäten einschalte, um die TEL zu unterstützen, sagte Schumacher. «Das Optimum» sei es, wenn er den Verwaltungsstab führe. Aber: «Mir ist nicht bekannt, dass es einen Verwaltungsstab gibt, im Kreishaus.»

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Datum: 10.06.2022
Rubrik: Bad Neuenahr-Ahrweiler / Grafschaft / Altenahr
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