Hochwasserbabys und Helfersyndrom: Wandel der Fluthilfe im Ahrtal

Elf Monate nach der Flutkatastrophe

Hochwasserbabys und Helfersyndrom: Wandel der Fluthilfe im Ahrtal

Grafschaft (dpa/lrs) - Nach der Ahr-Hochwasserkatastrophe im Juli 2021 haben weitaus mehr als 100 000 Freiwillige den Flutopfern in dem zerstörten Flusstal geholfen. Wo so viele Menschen zusammenkommen, kann auch viel anderes passieren: neue Partnerschaften, neuer Nachwuchs. «Wir sind beim Zählen alleine bei uns auf neun Flutbabys gekommen», sagt Marc Ulrich, Mitgründer des Helfershuttles im Ahrtal. «Mit und ohne Ehe, zwischen Helfern oder zwischen Betroffenen und Helfern.» Er wisse auch grob geschätzt von zehn Helfern, «die sich im Ahrtal ein Haus gesucht und sich hier niedergelassen haben».

Notfallseelsorger Godehard Pötter warnt aber auch vor einem Helfersyndrom: Manche seien süchtig nach Hilfe geworden und wollten nicht mehr aufhören. Rund elf Monate nach dem extremem Hochwasser mit 134 Todesopfern, mehr als 750 Verletzten und Tausenden verwüsteten Häusern wandelt sich das Bild der Fluthilfe merklich - in dem Maße, wie sich die Bedürfnisse der Opfer ändern.

Die Landrätin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand (parteilos), hat kürzlich noch betont: «Die beispiellose Hilfsbereitschaft der Menschen aus der ganzen Welt für unsere Region war und ist einzigartig.» Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte das Helfercamp in Grafschaft hoch über dem Ahrtal im Oktober 2021 besucht. Ulrich sagt, alleine der Shuttledienst habe von dort aus mehr als 125 000 Helfer ins Ahrtal gebracht - zum Reinigen, Ausräumen und Entkernen verschlammter und verwüsteter Häuser und vielem mehr. «Alleine bei uns waren es mehr als eine Million geleistete Arbeitsstunden», bilanziert der Mitgründer des Helfershuttles.

Inzwischen hat der Kreistag Ahrweiler allerdings den Rückbau von Fluthilfe-Zentren für Sachspenden und Baumaterialien sowie für übernachtende Helfer und Handwerker beschlossen. Der Shuttleshuttle ist einem Online-Marktplatz (helfer-shuttle.de) gewichen, wo sich Flutopfer und Helfer direkt miteinander vernetzen können.

Landrätin Weigand hat den Unterstützern ihre tiefe Dankbarkeit bekundet. Nun würden aber zunehmend Fachfirmen für den weiteren Wiederaufbau flutgeschädigter Häuser gebraucht. Überdies stünden teils der Aufwand für den Betrieb der Hilfszentren mit Steuereinnahmen und ihr Nutzen für Flutopfer nicht mehr im angemessenen Verhältnis.

Noch sind in kleinerer Zahl auch ehrenamtliche Helfer im Tal aktiv, etwa das «Team Ballern» - so getauft von Dennis Büchling aus Ruppichteroth im südlichen Nordrhein-Westfalen. «Es geht immer weiter, zum Beispiel mit der Vorbereitung für einen Abriss oder mit der Verlegung von Rollrasen in einem Garten», sagt der Sanitär- und Heizungsexperte mit Blick auf seine Helfertruppe. Meist ohne frühen Feierabend: «Wir arbeiten, als ob es für uns selbst wäre.» Das «Team Ballern» habe aber auch schon viel Pfusch von unseriösen Firmen weggerissen, die beim Wiederaufbau «nur schnell Kohle machen wollen».

Der einstige Helfershuttle-Koordinator Ulrich sagt jedoch auch: «Wir hatten zuletzt teils 50 freiwillige Helfer dastehen und nicht mehr genug Arbeit für sie.» Dringend nötige Handwerker wie Maler, Dachdecker und Elektriker seien dagegen überbucht: «Sie werden an allen Ecken und Enden gesucht.» Das bremst den Wiederaufbau - ebenso wie auch die nach Aussage vieler Flutopfer schleppende Auszahlung von Geld aus dem milliardenschweren Hilfsfonds von Bund und Ländern.

Ende Mai haben nach Ulrichs Worten rund 600 freiwillige Helfer ein Abschlussfest mit Live-Musik im einstigen Camp des Shuttledienstes in Grafschaft gefeiert. Dort hat auch Godehard Pötter eine Abschiedsrede gehalten. Der Heilpraktiker für Psychotherapie aus Recklinghausen ist immer wieder als Kriseninterventionsexperte ins Ahrtal gekommen.

Beim Fest spricht er laut Manuskript vom «Wunder vom Ahrtal» mit einer unglaublichen Atmosphäre des Miteinanders und einer neuen Sinnhaftigkeit im eigenen Tun. Das Helfercamp sei vielen zur Heimat geworden - auch für manche, die sich an ihrem Wohnort nicht mehr wirklich zu Hause fühlten. Tiefe Sehnsüchte seien befriedigt worden nach einer anderen Welt, «die uns in unserer Gesellschaft tatsächlich abhanden gekommen ist». Doch nun sei es für Helfer Zeit zu gehen und sich womöglich zu Hause weiter sozial zu engagieren - oder sich an der Ahr bei einer Handwerksfirma zu bewerben oder gar selbst eine zu gründen: «Volle Auftragsbücher sind auf Jahre hin garantiert.»

Unternehmer Ulrich bestätigt den Eindruck, dass manche Helfer ein Helfersyndrom haben: «Ich glaube, dass ihr Anteil gar nicht so klein ist, aber prozentual kann ich es nicht sagen.» Es hätten sich aber auch Freundschaften und Patenschaften gebildet, bei denen Helfer weiterhin Betroffene begleiteten: «Denen wollen wir nicht unrecht tun.»

Beim Online-Portal helfer-shuttle.de wird derweil nicht nur Unterstützung beim Wiederaufbau von Häusern gesucht. Winzer Frederick Stark in Heimersheim beispielsweise hat hier geschrieben: «Wir benötigen dringend Unterstützung im Weinberg! Da die Unterkunft unserer Saisonarbeiter durch die Flut vollständig zerstört wurde, fehlen uns zurzeit wichtige helfende Hände.».

 Foto: Thomas Frey/dpa

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Datum: 12.06.2022
Rubrik: Bad Neuenahr-Ahrweiler / Grafschaft / Altenahr
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