Jakobspilgerwege haben auch hierzulande großen Zulauf

Das Netz an Jakobswegen in Deutschland sei in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen

Jakobspilgerwege haben auch hierzulande großen Zulauf

(dpa/lrs) - Mit dem Nötigsten bepackt, um tagelang zu Fuß unterwegs zu sein: Immer mehr Menschen laufen in Deutschland eine Pilgerstrecke auf dem Jakobsweg - auch in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Ob auf dem Mosel-Camino, dem Eifel-Camino oder der Klosterroute von Worms durch die Pfalz und das Saarland bis nach Frankreich: Tausende Pilger seien auf den rund 2800 Kilometern des Wegenetzes in den beiden Ländern unterwegs, sagt die Präsidentin der St. Jakobus-Gesellschaft Rheinland-Pfalz-Saarland, Birgit Heinrich, im saarländischen Kleinblittersdorf. An diesem Sonntag (24. Juli) ist Weltpilgertag.

Das Netz an Jakobswegen in Deutschland sei in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen, berichtet Manfred Zentgraf, Experte für Jakobspilger, im bayerischen Volkach. Der erste Jakobsweg bundesweit sei vor genau 30 Jahren 1992 zwischen Nürnberg und Rothenburg ob der Tauber eröffnet worden. Heute gebe es in Deutschland viele Tausend Kilometer.

Dass Pilger sich nicht nur aufmachen, um ins spanische Santiago de Compostela zum Grab des Jakobus zu pilgern, sondern auch vermehrt deutsche Teilstrecken in den Blick nehmen, habe mehrere Gründe, erklärt der Vizepräsident der regionalen Gesellschaft, Olaf Kern, in Kirchheimbolanden (Donnersbergkreis). Wegen coronabedingter Schließung von Herbergen in Spanien sei das Pilgern dort in den vergangenen zwei Jahren schwierig gewesen - man habe Alternativen gesucht. Und aktuell bremsten hohe Flugpreise etliche Pilger aus, von Frankreich, Portugal oder Spanien aus nach Santiago zu starten.

«Es gibt ja nicht ohne Grund den Spruch: Der Jakobsweg fängt vor deiner Haustüre an», sagt Kern. Er merke den Trend nach oben auch daran, «dass wir vermehrt Anfragen haben ans Präsidium und Regionalgruppenleiter nach Unterstützung und Tipps». Alle Wege seien ausgeschildert und würden auch regelmäßig kontrolliert, fügt Heinrich hinzu. Jüngst sei der Weg durch den Pfälzerwald noch mal neu beschildert worden, weil es da Beschwerden gegeben hatte. Und zur Pfälzer Klosterroute erschien gerade ein neuer Pilgerführer.

«Es gibt eine Sehnsucht nach Pilgern», meint Kern. Das habe weniger mit Religiosität zu tun, auch wenn es etliche Menschen gebe, die aus religiösen Gründen gingen. Es sei auch «der Weg der Selbstfindung, wenn man vor schwierigen Entscheidungen steht, eine Auszeit braucht, um mit sich ins Reine zu kommen». Es gebe auch viele junge Leute, die sich nach dem Abitur aufmachten, um die Zeit bis zum Studium zu nutzen. Und dabei stelle man fest: «Das macht was mit mir. Viele starten als Wanderer und kommen als Pilger an.»

Roland Zick aus Hundsbach (Kreis Bad Kreuznach) hatte 2005 die regionale Jakobus-Gesellschaft gegründet - und war bis zum Frühjahr dieses Jahres deren Präsident. «Wir sind ein Pilger-Transitland von Nordosten nach Südwesten», sagt er über Rheinland-Pfalz. «Und wir haben auch einen Transitweg durch die Eifel gelegt, an der Mosel, den Ausoniusweg und dann über das Saarland nach Metz und von dort aus in das große Netz - in Richtung Spanien.»

Gerade sei ein ganz neuer Weg an den Start gegangen, den es so nirgendwo anders gebe: Ein komplett barrierefreier Pilgerweg für Rollstuhlfahrer von Worms nach Lauterbourg in Frankreich. «Mit kompletter Infrastruktur: Toiletten und Unterkunftsmöglichkeiten», sagt Zick. Die gut 100 Kilometer seien als Strecke geeignet für zehn Tage mit Rollstuhl. An dem neuen Pilgerpfad habe die Pfälzer Regionalgruppe sieben Jahre lang gearbeitet.

Die Zahl der Pilger auf dem Jakobsweg und den dazugehörigen Strecken in Europa steige seit Jahren, berichtet Zick. Vor knapp 20 Jahren seien es 70 00 bis 80 000 Menschen gewesen, die im Jahr in Santiago de Compostela eine Pilgerurkunde erhielten. «Heute sind wir bei 350 000, abgesehen von der Delle wegen Corona.» Zick hatte in 2015 den Weltpilgertag auf einem Weltkongress der Jakobus-Gesellschaften in Santiago initiiert. «Da habe ich offene Türen eingerannt.»

Die Zahl der Pilger auf deutschen Teilstrecken könne nur geschätzt werden, weil eine Messeinheit wie eine Urkunde fehle, sagt Kern. Es tue sich weiterhin viel: Gerade sei ein Weg entstanden von Mainz über die Nahe-Glan-Region und Idar-Oberstein weiter ans Pilgernetz. «Es sind nur historische Wege», sagt er. Nach Anhaben von Zentgraf waren die Pilger im Mittelalter auf den «gangbaren Kaufmannswegen» unterwegs. In Rheinland-Pfalz waren das oft alte Römerstraßen.

Fernpilger sind nach Angaben von Heinrich meist zwei bis drei Wochen unterwegs. «Sie brechen dann ab und nehmen ein Jahr später an der Stelle, wo sie aufgehört haben, wieder auf.» Für die ganze Strecke aus Deutschland nach Santiago an einem Stück fehle die Zeit. «Aus Kirchheimbolanden wären das rund 2200 Kilometer, da müsste man um die 100 Tage veranschlagen», sagt Kern.

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Datum: 21.07.2022
Rubrik: Kultur
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