Ahrtal vor dem zweiten Winter nach der Flut

Modellregion geplant

Ahrtal vor dem zweiten Winter nach der Flut

Marienthal (dpa/lrs) - Rolf Schmitt bekommt oft Besuch, obwohl sein flutgeschädigtes Haus in Marienthal an der Ahr immer noch nicht ganz wiederherstellt ist und er in einem Container wohnt. Der Dorfkümmerer sagt: «Es vergeht eigentlich keine Woche, ohne dass ein Bürgermeister oder Landrat sich hier über unser Nahwärmenetz informiert.» Der zweite Winter nach der Ahrflut mit mindestens 134 Toten im Juli 2021 steht vor der Tür. Immer noch sind hier viele Häuser nicht bewohnbar. Zugleich steigen Energiepreise und Inflation deutlich. Dennoch neue Chancen: Das Ahrtal soll eine Modellregion für nachhaltige Wärme- und Energieversorgung werden. Bereits 14 Ortsgemeinden haben sich hier laut dem rheinland-pfälzischen Klimaschutzministerium für Nahwärmenetze auf regenerativer Basis ausgesprochen.

Das kleine Dorf Marienthal ist besonders weit. Schmitt sagt: «Unser Ziel ist die Fertigstellung zum 1. November.» Mehr als 30 Häuser wollen eine Bürgergenossenschaft an eine Heizungsanlage mit Holzpellets, Solarthermie und Photovoltaik anschließen. «Das sind 90 Prozent des Ortes.» Dank Förderungen und Spenden könnten die Kosten für Hausanschlüsse auf jeweils nur 1000 bis 2000 Euro gedrückt werden. Gerade ist das Dach der Heizungszentrale betoniert worden.

Die Vorteile von Nahwärme? «Ich brauche keinen Schornsteinfeger und keine Heizungswartung mehr, ich gewinne Platz im Keller, ich bekomme im Verbund mit anderen Bürgern bessere Pelletpreise und ich muss mich um nichts mehr kümmern», zählt Dorfkümmerer Schmitt auf. Das langlebige System sei ökologisch, der Rückgriff auf fossile Brennstoffe vorbei. Pellets werden etwa aus Sägemehl hergestellt und gelten daher oft als nachhaltig. Umweltschützer beklagen indes auch die Fertigung aus ganzen Bäumen sowie Emissionen wie Feinstaub. Schmitt verweist auf hochmoderne Filter beim Marienthaler Wärmenetz.

Der stellvertretende Obermeister der Innung Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (SHK) im Kreis Ahrweiler, Gisbert Sonntag, sagt, manche Ahr-Nahwärmenetze würden noch lange auf sich warten lassen. Hubertus Kunz zum Beispiel, ehemals Bürgermeister in Mayschoß, rechnet nach eigenen Worten mit dem Start eines Netzes in seinem Winzerdorf erst zum übernächsten Winter. Laut der Energieagentur Rheinland-Pfalz klagten kürzlich bei einem Expertentreffen Bürgermeister des oberen Ahrtals «über unklare Förderszenarien, schwer kalkulierbare Kosten für die Nutzer und teilweise nicht geklärte rechtliche Fragen». Vertreter des Landes hätten hier Unterstützung zugesagt.

In den Weindörfern der mittleren und oberen Ahr haben die Bürger früher vor allem mit Heizöl und Flüssiggas geheizt. «Dann sind viele Häuser nicht wegen der Flutschäden, sondern der Verseuchung mit Heizöl abgerissen worden», erklärt Ex-Bürgermeister Kunz. Er spricht von Gestank und Gesundheitsgefährdung. Gefolgt ist ein Sammelsurium von Einzellösungen, etwa mit Holzöfen, Elektro- oder Pelletheizungen.

Die Energieagentur hat versucht, den Bedarf mit Tausenden Fragebögen zu ermitteln. Ihr «Projektleiter Wärmewende», Paul Ngahan, versichert, das Land wolle niemanden frieren lassen - falls nötig würden weiterhin Notheizungen zur Verfügung gestellt. Klimaschutzstaatssekretär Michael Hauer (Grüne) hat kürzlich mitgeteilt, zahlreiche einst eilig geschaffene Provisorien seien «nun noch zurückzubauen und durch dauerhafte Lösungen zu ersetzen».

Das ist in Zeiten des Ukraine-Krieges nicht immer leicht angesichts sich vervielfachender Energiepreise und gestörter Lieferketten sowie Material- und Fachkräftemangels. Der stellvertretende SHK-Obermeister Sonntag sagt: «Unsere Branche säuft ab, wir sind überfordert, wir können nicht alle gleich bedienen.» Da helfe es auch nur begrenzt, dass Heizungsbauer im Ahrtal schon bevorzugt vom Großhandel beliefert würden. «Trotzdem können wir Anlagen oft lange nicht aufbauen, weil einige Teile fehlen. Da macht man sich viel Zeit kaputt», erklärt der Chef einer Heizungsbaufirma. «Bei Wärmepumpen haben wir Lieferzeiten von einem halben oder dreiviertel Jahr oder manchmal auch noch mehr.»

Paul Ngahan von der Energieagentur beschreibt die Bereitschaft vieler Flutopfer, sich mit der Aussicht auf eine dauerhaft umweltverträgliche Wärmeversorgung auch noch einen zweiten Winter mit Notlösungen zu behelfen, als «eindrucksvoll und sehr ermutigend». Es gebe «ein sehr großes Klimawandelbewusstsein im Ahrtal».

Klimaschutzministerin Katrin Eder (Grüne) hat vor einiger Zeit angesichts des extremem Starkregens in den Ahr-Fluttagen 2021 gesagt: «Der Klimawandel - ich glaube, hier hat er sein schlimmstes Gesicht gezeigt.» Aus Sicht der Ahrweiler-Landrätin Cornelia Weigand (parteilos) ist damit «schmerzlich» klar geworden, wie wichtig die Energiewende sei: «Wir können nicht so weitermachen wie zuvor, sondern müssen und wollen die Chancen nutzen, die sich uns mit dem Aufbau bieten.»

Dorfkümmerer Rolf Schmitt ist auf das Nahwärmenetz in Marienthal gespannt. Manche Häuser bekämen sogar drei Heizkreisläufe: für Warmwasser, eine Fußboden- und eine Wandheizung, sagt er. Zugleich freut sich der Containerbewohner mit seiner Frau aufs eigene Haus: «Wir hoffen, dass wir bis Ende dieses Jahres zurückkehren können.»

Foto: Thomas Frey/dpa

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Datum: 20.09.2022
Rubrik: Bad Neuenahr-Ahrweiler / Grafschaft / Altenahr
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