Kritik an Landesfeuerwehrchef

Er fordert besseren Hochwasserschutz

Kritik an Landesfeuerwehrchef

Mainz (dpa/lrs) - Nicht nur die Politik, sondern auch die Feuerwehr in Rheinland-Pfalz diskutiert angesichts überraschend aufgetauchter Polizeihelikopter-Videos wieder verstärkt über die Ahr-Flut. Der Präsident des Landesfeuerwehrverbandes (LFV), Frank Hachemer, hat mit einer Aussage auch Feuerwehrleute aufgeschreckt: Dass Innenminister Roger Lewentz (SPD) in der Hochwassernacht im Juli 2021 mit mindestens 134 Toten auch nicht viel hätte ändern können, wenn er mehr getan hätte. Der Kreisfeuerwehrverband Eifelkreis Bitburg-Prüm etwa distanziert sich auf Facebook von Hachemers Ausführungen. Manche Krisenexperten relativieren sie ebenfalls. Hachemer bekommt aber auch Unterstützung.

Der Druck auf Lewentz hat sich verstärkt, weil die laut Polizei vergessenen Flutvideos erst jetzt bekannt geworden sind und auch er sie nach eigenen Worten nicht gekannt hatte. Sie zeigen bis zum Dach vom Wasser umspülte Häuser und um Hilfe flehende Bewohner. Lewentz hat sich davon erschüttert gezeigt. «Hauptausschlaggebenden Elemente» für die Katastrophe wie etwa Tote sehe er auf den Videos aber nicht. CDU und AfD fordern seine Entlassung.

Lewentz habe sich in der Flutnacht um Informationen bemüht, die Einsatzleitung des Kreises Ahrweiler aufgesucht und somit gehandelt, hat LFV-Präsident Hachemer auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur gesagt. Er wolle «Feuer aus der Debatte» um den Minister nehmen. Es gibt Vorwürfe, dass Politik und Behörden bei der Rettung von Opfern teils zu spät und unkoordiniert gehandelt haben könnten. Lewentz hat nach eigenen Worten damals kein vollständiges Lagebild gehabt.

Laut dem Kreisfeuerwehrverband Bitburg-Prüm weist die aktuelle politische Debatte über das «eigentliche Thema Feuerwehr» hinaus. Hier wie Hachemer mit einer Stellungnahme zugunsten von Lewentz einzugreifen, «sehen wir nicht als Aufgabe eines Feuerwehrverbandes, zumal die Aufarbeitung der Flutkatastrophe durch einen eigens eingesetzten Untersuchungsausschuss noch nicht abgeschlossen ist». Das Gremium des Landtags und die Staatsanwaltschaft Koblenz nehmen die Verantwortlichkeiten beim Hochwasser schon lange unter die Lupe.

Der ehrenamtliche LFV-Chef Hachemer - nach eigenen Angaben ohne Parteibuch - betont, er wolle keineswegs Lewentz einseitig unterstützen. Er agiere parteipolitisch neutral. «Aber wenn es Fehlentwicklungen gibt, muss man sich äußern dürfen.» Die Politik müsse die Defizite im Katastrophenschutz bei der Flut in den Fokus nehmen. «Obwohl einige Kommunen und Kreise sich auf den Weg gemacht haben, vorbildliche Verbesserungen einzuführen, würden wir bei einer neuerlichen Katastrophe heute immer noch nicht viel anders dastehen als im Sommer 2021», urteilt Hachemer. Daher gebe es viel Unmut in der Feuerwehr, der größten Helfergruppe im Katastrophenschutz.

«Wo sind die Pläne für die Evakuierung ganzer Landstriche? Wo die Zuschüsse für den Kauf geländegängiger Einsatzfahrzeuge? Wo die Konzepte für eine breite Instruktion der Bevölkerung, was man im Ereignisfall tun kann oder muss?», fragt Hachemer. «Allein auf das Fahrgestell eines Einsatzfahrzeuges wartet man aktuell jahrelang.» In den Katastrophenschutz müsse rasch viel mehr Geld fließen: «Die Katastrophen warten nicht.» Es sei unverständlich, dass sich die Politik angesichts des Risikos etwa von Hochwasser, Stromausfällen durch Hacker-Angriffe und Waldbränden im Sommer immer wieder von anderen Themen vom Katastrophenschutz ablenken lasse.

Er selbst sei und bleibe dabei aufmerksam, kritisch und unbequem, versichert der Verbandspräsident. Genau dies habe Minister Lewentz kürzlich selbst öffentlich angesprochen, «als er mir eigentlich eine Auszeichnung für Verdienste um das Feuerwehrwesen verliehen hat».

Hachemer hat auch Aufsehen mit seiner Aussage erregt, dass es bei einer Evakuierung des gesamten Flutgebiets wohl zu mehr als 1000 Toten hätte kommen können bei Staus in dem teils engen Flusstal mit nicht vielen Zufahrtswegen und bereits entgegenkommenden Helfern. Der Hamburger Krisenexperte Andreas Hermann Karsten beispielsweise hat teils widersprochen: Faktoren wie räumliche Enge, Aussichtslosigkeit und extremer Zeitdruck, die eine Massenpanik fördern könnten, habe es zumindest im sich weitenden Tal der unteren Ahr nicht gegeben. Die CDU-Landtagsopposition verweist darauf, dass Straßen nicht die einzigen Fluchtwege seien - ein Ex-Berufsfeuerwehrmann habe erklärt, «dass dass man in solch dramatischen Situationen natürlich auch hoch in die Weinberge evakuiert. Hauptsache raus aus der Gefahrenzone.»

Ein anderer Feuerwehrmann im Ahrtal, der anonym bleiben will, sagt dagegen, er hätte ebenfalls eine Massenpanik bei einer Gesamtevakuierung im Flusstal befürchtet: «Es gab kein Konzept dafür. Die Behörden haben es nicht mal später geschafft, rasch und koordiniert im Katastrophengebiet aufzuräumen. Da waren die ehrenamtliche Helfer schneller.» Er traue die Organisation einer großflächigen Evakuierung nur der Bundeswehr zu, die aber nicht direkt in den Katastrophenschutz eingebunden sei.

Die Flut bis zu den Hausdächern überall im Ahrtal habe auch nach den Warnungen jede Vorstellungskraft gesprengt, ergänzt der 30-Jährige. Später hätten die Helfer vor einem Dilemma gestanden: «Wen rette ich, wen rette ich nicht, welches Risiko gehe ich selbst ein? Alle zu retten war nicht mehr möglich.» Der Feuerwehrmann erinnert an ein Ereignis bei Dorsel an der oberen Ahr: Eine junge Feuerwehrfrau hat seinerzeit auf einem Campingplatz eine bettlägerige Frau in einem Mobilheim retten wollen. Beide sind fortgespült worden und ertrunken.

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Datum: 08.10.2022
Rubrik: Kultur
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