Bischof: Missbrauchsfälle mitverantwortlich für Kirchenaustritte

Der Mainzer Bischof hofft auf eine baldige Entscheidung des Papstes über das Rücktrittsgesuch des Kölner Kardinals Woelki.

Bischof: Missbrauchsfälle mitverantwortlich für Kirchenaustritte

Von der bevorstehenden Veröffentlichung einer Missbrauchsstudie zur Situation im eigenen Bistum erwartet Peter Kohlgraf einen «klaren Einblick».

Mainz (dpa) - Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche spielen nach Worten des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf eine wichtige Rolle bei der Suche nach Erklärungen für die steigende Zahl von Kirchenaustritten. Es gebe sicherlich unterschiedliche Wahrnehmungen, was den Umgang der Kirche mit der Aufarbeitung des Missbrauchs angehe, sagte Kohlgraf der Deutschen Presse-Agentur. «Auch im Bistum Mainz haben wir wie in allen Diözesen im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz klare Richtlinien und Verfahrensweisen formuliert.» Allerdings gelingt es nicht immer, diese Bemühungen in der Öffentlichkeit bemerkbar anzubringen.

Kritiker werfen der katholischen Kirche immer wieder Fehler im Umgang mit der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen und Vertuschungsversuche vor. «Natürlich passieren auch Fehler, und manche Maßnahme ist gerade für die Betroffenen nicht wirklich zufriedenstellend», räumte der Bischof ein. «Da werden weitere Schritte gegangen werden müssen.» Darüber hinaus gebe es sehr individuelle Gründe, aus der Kirche auszutreten.

Im Bistum Mainz, das zu etwa zwei Dritteln in Hessen liegt, wurde im vergangenen Jahr der Rekordstand von 12 649 ausgetretenen Mitgliedern verzeichnet. Im Jahr 2020 lag diese Zahl noch bei 8461. In anderen Bistümern verlief die Entwicklung ähnlich.

Die Entwicklung in anderen Diözesen, besonders in Köln, sei sicherlich von Bedeutung, sagte Kohlgraf. «Die offene Situation im Erzbistum Köln, die durch die ausbleibende Entscheidung des Papstes ausgelöst ist, vergrößert das Problem natürlich», sagte er. «Insofern müsste bald eine Entscheidung in Bezug auf die Situation im Erzbistum Köln getroffen werden.»

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki steht schon länger wegen des Umgangs mit Missbrauchsfällen in der Kritik. Die Vorwürfe der laufenden Ermittlungen wegen falscher Versicherung an Eides statt weist er zurück. Papst Franziskus verordnete dem Kölner im vergangenen Jahr bereits eine mehrmonatige Auszeit. Ein Rücktrittsgesuch Woelkis liegt beim Pontifex in Rom, das er jederzeit annehmen könnte.

Für März 2023 werden in Mainz die Ergebnisse der Studie des Regensburger Rechtsanwalts Ulrich Weber erwartet, der die Fälle von sexuellem Missbrauch und den Umgang der Verantwortlichen damit in den vergangenen Jahrzehnten untersucht. «Wir erhoffen uns von dieser Studie einen klaren Einblick in die Situation im Bistum und die Erfahrungen der Betroffenen, die mit Rechtsanwalt Weber gesprochen haben», sagte Kohlgraf. «Es ist völlig klar, dass zum einen die Studie nur einen Baustein der Aufarbeitung darstellt und wir von einem weiterhin großen Dunkelfeld ausgehen müssen.»

Auch nach der Veröffentlichung der Studie seien Betroffene aufgerufen, mit dem Bistum in Kontakt zu treten, um über weitere Schritte sprechen zu können, sagte Kohlgraf. Dafür gebe es unabhängige Ansprechpartner, die einen Erstkontakt ermöglichten. Der Abschlusstermin der Mainzer Studie war von den Autoren vom Spätherbst 2022 auf März 2023 verschoben worden, unter anderem wegen «zahlreicher neu hinzugekommener Meldungen».

Mit Blick auf die zahlreichen aktuellen Krisen wie Inflation und der Krieg in der Ukraine sowie die Sorgen vieler Leute wegen nicht mehr bezahlbarer Rechnungen und des Klimawandels sagte Kohlgraf, dass diese Erfahrungen die Menschen nicht zwangsläufig zum Glauben und zur Kirche zurückführten. Es gebe unterschiedliche Einschätzungen dazu, welche Bedeutung Religionen in Zukunft spielen werde. «Die Prophezeiungen, die das Ende von Religiosität beschreiben, haben sich in der Vergangenheit nicht bestätigt», betonte er. Daher bleibe es spannend zu beobachten, welche Rolle Religion in anderen Formen in der Zukunft spielen werde.

«Insgesamt kann man sicherlich sagen, dass Formen der Religion individueller werden und Institutionen an Bedeutung verlieren. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Kirchen», sagte der Bischof. Ob das für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen positiv sei, dürfte zumindest gefragt werden.

Die Gestalt der katholischen Kirche wird sich nach Kohlgrafs Worten in den kommenden Jahren verändern. Schon jetzt machten die Gläubigen aller christlichen Kirchen in Deutschland weniger als die Hälfte der Gesamtbevölkerung aus. Eine steigende Zahl von Kirchenmitgliedern sei nicht zu erwarten. «Ich sehe jetzt die Aufgabe darin, die Kirchenmitglieder zu stärken und zu motivieren, gleichzeitig aber auch als Kirche eine wichtige Stimme in der Gesellschaft zu sein», sagte der Bischof. «Dabei habe ich durchaus Hoffnung, denn als gläubiger Mensch weiß ich auch, dass die Kirche unter dem Segen Gottes steht.»

Er erkenne auf vielen Ebenen das Bemühen, Fehler in der Kirche zu sehen und das System zu verändern, und er erlebe viele Menschen, die sich innerhalb der Kirche für das Wohl der Gesellschaft und für das Wohl anderer Menschen einsetzten, sagte der Bischof. «Diese Begegnungen machen wir weiterhin Hoffnung.»

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Datum: 23.12.2022
Rubrik: Soziales
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