Dachboden-Fund, KI und Erinnerungsweg

Jüdische Kultur auf dem Land

Dachboden-Fund, KI und Erinnerungsweg

Mainz (dpa/lrs) - Ein Schatz vom Dachboden, KI-Interviews mit einem Holocaust-Überlebenden - und ein Koffer mit Lehrmaterialien zur Ausleihe: Aus zwei ehemaligen Synagogen im Norden von Rheinland-Pfalz sind vor allem dank unermüdlichen ehrenamtlichen Engagements lebendige Erinnerungs-, Kultur- und Bildungsstätten geworden. Die Zentren in Laufersweiler im Hunsrück und in Niederzissen in der Eifel befassen sich sowohl mit der Verfolgung und Vernichtung der Juden aus der Region, als auch mit dem einst so lebendigen jüdischen Leben. Landtagspräsident Hendrik Hering spricht auf einer Gedenkstättenreise von Best-Practice-Beispielen.

Bei diesen Fahrten geht es darum, «Erinnerungskultur stärker zu regionalisieren» und «wahrnehmbarer zu vermitteln, dass Verfolgung, Diskriminierung und Vertreibung von Juden auch im eigenen Heimatort stattfanden». Zugleich soll auf die «vielfältigen kulturellen Spuren und Schätze jüdischen Lebens in der Region» aufmerksam gemacht werden. Künftig sind ein bis zwei solcher Gedenkstättenreisen pro Jahr geplant, die nächste und dritte geht in die Pfalz, einen Termin dafür gibt es noch nicht.

Dabei reicht der Rahmen über das Bundesland hinaus: «Auf Initiative und unter Federführung des rheinland-pfälzischen Landtags entwickelt eine Arbeitsgruppe aller bundesdeutschen Landtage Formen des Erinnerns und Gedenkens an den Holocaust für eine Zeit ohne Zeitzeugen weiter», heißt es beim Parlament in Mainz.

«Wir sind ein Erinnerungsort auf dem Land», sagt Carolin Manns, die mit einer halben Stelle das Ehrenamt in dem Erinnerungs-, Lern- und Gedenkort in Laufersweiler mit seinen rund 840 Einwohnern unterstützt. «Das jüdische Leben wird vor allem im Kontext mit der Schoah wahrgenommen», berichtet die Pädagogin. «Die Synagoge ist aber kein Ort des Leidens, hier hat das Leben stattgefunden.»

«Über 80 Prozent der jüdischen Gemeinden in Rheinland-Pfalz waren auf dem Land», sagt der Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit, Franz-Josef Ratter. «Das Landjudentum ist genauso prägend wie die Schum-Stätten.» Dieses Ensemble in Worms, Speyer und Mainz ist das erste jüdische Unesco-Welterbe-Kulturdenkmal in Deutschland.

«Es existieren viele verschiedene Familien-Narrative, mit denen die Besucher hierher kommen», berichtet Manns vom Studien- und Begegnungszentrum. «In der Migrationsgesellschaft, in der wir leben, kommen keine homogenen Gruppen mehr.» Das vielfältige Angebot in Laufersweiler reicht von Projekten mit Geflüchteten über eine Outdoor-Ausstellung «Jüdisches Leben im Hunsrück» und in die Wanderwege der Region eingebettete Pfade der Erinnerung an jüdisches Leben und Lyrik - bis zu digitalen Angeboten.

Zu diesen zählt das Projekt «Sprachbot» des deutschen Exilarchivs in Kooperation mit der USC Shoah Foundation, mit dem die Erinnerung eines Überlebenden des südfranzösischen Internierungslagers Gurs digital zugänglich gemacht wird. Künstliche Intelligenz erfasst auf Grundlage von rund 900 Fragen die Erinnerungen des Mannes.

Jeder Schüler und jeder angehende Lehrer solle mindestens einmal eine Gedenkstätte in Rheinland-Pfalz besuchen, betont Hering. Dazu eigneten sich neben dem zentralen Gedenkstätten Osthofen und Hinzert gerade die dezentralen. «Wir brauchen eine ganze Bewegung, die sagt, das findet vor Ort statt.» Denn die Nationalsozialisten, so erinnert Hering, hätten alle Spuren jüdischen Lebens auslöschen wollen.

Dazu kommen Orte wie das ehemalige Konzentrationslager Bruttig-Treis, das der Landtag auf seiner ersten Reise besucht hat. «Acht Lagerbaracken stehen mitten im Ort – und dennoch gibt es bislang kaum einen Hinweis auf das ehemalige KZ oder auf das Schicksal seiner mindestens 2400 Häftlinge», stellt Hering fest. «Das KZ Bruttig-Treis ist ein gutes Beispiel dafür, dass Orte des Schreckens nach Kriegsende bewusst in Vergessenheit geraten sollten.»

Die Gemeinde Niederzissen hat die ehemalige Synagoge gekauft und restauriert. Herzstück neben einem Versammlungsraum ist ein kleines. Museum. In seinem Zentrum steht einer der bedeutendsten Genisa-Funde in Deutschland. Dazu gehören Stoffe für rituelle Zwecke, bedruckte und handschriftliche Texte, Gebete, Verträge und Fragmente einer Torarolle - all das fand sich auf dem Dachboden der Synagoge, die im Zweiten Weltkrieg als Schmiede genutzt worden war.

«Das Thema Judentum darf nicht auf das Thema Holocaust reduziert werden», betont Anne Wagner vom Förderverein in Niederzissen. «Es gibt glücklicherweise noch ein lebendiges Judentum auch in Deutschland.» Mit einigen ihrer Schülerinnen aus Vallendar im Kreis Mayen-Koblenz hat die Lehrerin aus dem Englischunterricht eine Reihe von Projekten auf die Beine gestellt - und entwickelt ehrenamtlich auch einen Lernkoffer zum Verleihen. «Geschichte zum Anfassen ist einfach viel eindrucksvoller.»

Sowohl in Laufersweiler als auch in Niederzissen wünschen sich die Ehrenamtlichen dringend finanzielle und professionelle Unterstützung, um ihr Angebot aufrecht zu erhalten und weiter zu entwickeln. «Ideen haben wir mehr, als wir machen können», sagt die ehemalige Lehrerin Brigitte Decker, vom Förderverein. «Wir Rentner sind aber auch irgendwie endlich. Wir müssen gucken, dass das eine Zukunft hat.»

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Datum: 14.03.2023
Rubrik: Gesellschaft
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