Evolutionsforscher erhält Archäologiepreis von Monrepos

Michael Tomasello sieht in kulturellen Lernprozessen den entscheidenden Entwicklungsschritt

Evolutionsforscher erhält Archäologiepreis von Monrepos

Neuwied (dpa/lrs) - Für das Verständnis menschlicher Existenz ist nach Überzeugung von Archäologen der Blick auf die Anfänge der Geschichte von wesentlicher Bedeutung. Noch weiter zurück blickt der amerikanische Entwicklungspsychologe Michael Tomasello, der an diesem Freitag auf Schloss Monrepos bei Neuwied mit dem Archäologiepreis Human Roots Award ausgezeichnet wird. Der 72-jährige Forscher untersuchte die Verhaltensweisen von Primaten und erkannte in kulturellen Lernprozessen den entscheidenden Unterschied zwischen Menschenaffen und dem modernen Menschen.

Es seien diese Prozesse und nicht etwa Anpassungen im Zuge der biologischen Evolution, die die «charakteristischen und wichtigsten kognitiven Leistungen und Prozesse der Spezies Homo sapiens» hervorgebracht hätten, führt Tomasello in seinem Werk «Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens» aus. So erklärt er das Rätsel, warum in der für die Evolution vergleichsweise kurzen Zeitspanne von «sechs Millionen Jahren, die uns Menschen von Menschenaffen trennen», eine so entscheidende Weiterentwicklung möglich war - obwohl der Mensch mit dem Schimpansen 99 Prozent des genetischen Materials teile, was derselbe Grad von Verwandtschaft sei wie etwa zwischen Pferden und Zebras.

Tomasello forschte 20 Jahre lang am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Zurzeit lehrt er an der Duke Universität in North Carolina Vergleichende Psychologie und Entwicklungspsychologie.

Der mit 10 000 Euro dotierte Preis wird seit 2017 vom Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution Monrepos vergeben, einer Einrichtung des Leibniz-Forschungszentrums RGZM in Mainz. Monrepos-Leiterin Sabine Gaudzinski-Windheuser spricht vom «kleinen Nobel-Preis» für Archäologie und Verhaltensevolution des Menschen.

«Tomasello gibt uns einen ganzen Blumenstrauß an neuen Fragen, an ganz neuen Perspektiven und die Möglichkeit, unser Material unter anderen Gesichtspunkten zu betrachten», sagt Gaudzinski-Windheuser im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Die Archäologie wolle «nicht länger in diesen chronologischen Perspektiven verharren», sondern ihre Funde auf neue Weise erschließen. Diese könnten oft zumindest indirekte Hinweise auch auf soziale Prozesse geben, etwa zur Entwicklung eines sozialen Miteinanders bereits vor mehr als 100 000 Jahren. So lasse sich auch zeigen, «dass der Neandertaler empathisches Verhalten an den Tag legt, dass er Traditionen teilt.»

Viel jünger, erst vor etwa 10 000 Jahren habe sich ein Bewusstsein für einen nachhaltigen Umgang mit Natur entwickelt. «Vorher war der Mensch nie nachhaltig - wenn die eine Ressource erschöpft war, ist er zur nächsten gegangen. Aber damit stoßen wir jetzt an Grenzen.»

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Datum: 18.11.2022
Rubrik: Gesellschaft
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