
Kot-Krise am Badesee - Wie umgehen mit der «Problem-Gans»?
Nilgänse und Menschen haben im Sommer ähnliche Vorlieben. Das führt zu Konflikten. Wie Kommunen und Tierschützer in Rheinland-Pfalz das sehen.
Mainz (dpa/lrs) -
Das ist nicht schön: Wo Spaziergänger an diesen warmen Sommertagen ihre Picknickdecken ausbreiten wollen, liegt in Rheinland-Pfalz vielmals Tierkot. Verursacherin ist oft die Nilgans, die zu den auffälligsten Neulingen an deutschen Flüssen, Seen und in Parks zählt. Laut EU-Verordnung gilt das hellbraune bis beigefarbene Federvieh als invasive gebietsfremde Art.
Viele Kommunen ärgert die Verschmutzung. Trier greift zu einem ungewöhnlichen Schritt: Nilgänse dürfen geschossen werden. Der Beschluss entfacht eine neue Debatte darüber, wie das Bundesland mit der aus Afrika stammenden Vogelart umgehen soll.
Wer auf Nilgänse schießen darf
«Die Obere Jagdbehörde hat als zuständige Landesbehörde beschlossen, die Schonzeiten für Nilgänse in Trier aufzuheben», teilt ein Sprecher mit. Dies bedeute aber keine unkontrollierte Schießerlaubnis im Stadtgebiet. «Sie verändert lediglich den Zeitraum, in dem eine Bejagung jagdrechtlich grundsätzlich möglich ist.» Alle gesetzlichen Anforderungen blieben bestehen.
«Das heißt konkret, dass innerorts nicht gejagt werden darf, sondern nur in nicht befriedeten Bezirken wie Felder und Wald», betont er. Ebenfalls würden keine Elterntiere oder Küken gejagt, sondern nur «juvenile» und erwachsene Tiere, die aktuell keine Jungen aufziehen (Muttertierschutz des Jagdgesetzes). Die Bejagung in nicht befriedeten Bezirken laufe bereits, erklärte der Sprecher. «Schießen dürfen die zuständigen Jagdpächter.»

In Trier dürfen ausschließlich die zuständigen Jagdpächter auf Nilgänse schießen. (Archivbild). | Markus Lenhardt/dpa
Hintergrund der Entscheidung sei die zunehmende Verbreitung der Nilgans im Stadtgebiet mit erheblichen Kotansammlungen. Nilgänse seien sehr territorial während der Fortpflanzungszeit und könnten heimische Wasservögel von Brut-, Nahrungs- oder Ruheplätzen verdrängen. «Die Bejagung der Nilgans war nicht die erste gewählte Maßnahme.» Nach Angaben der Stadt wurden zunächst Alternativen versucht - darunter akustische Vergrämung, Greifvogelattrappen und Vogelscheuchen. Diese hätten keine dauerhafte Wirkung gezeigt.
Hunde zogen den Kürzeren
Naturschützer sehen die Entscheidung kritisch. «Die Bejagung der Nilgans während der Schonzeit lehnen wir klar ab», sagt Klara Harres, Naturschutzreferentin des Nabu Rheinland-Pfalz. «Im Allgemeinen ist eine Bejagung der Nilgans mit dem Ziel der Bestandsreduktion nicht sinnvoll, da sie kaum einen Effekt auf die weitere Bestandsentwicklung hat.»
Harres betont: «Zur Bejagung muss aus Sicht des Nabu eine sinnvolle Nutzung der Tiere gehören, und sie sollte ausschließlich nach Abschluss der Brutzeit erfolgen und beendet sein, sobald sich nicht jagdbare Wintergäste oder Vögel auf dem Durchzug unter die lokalen Brutvorkommen mischen.»
Als Alternativen nennt sie Fütterungsverbote, Ausweichflächen, höheres Gras auf Teilen von Liegewiesen sowie Barrieren, die Gänse von sensiblen Bereichen fernhalten. Gemähte Rasenflächen seien für die Tiere besonders attraktiv.

Naturschützer lehnen die Bejagung der Nilgans während der Schonzeit klar ab. (Archivbild) | Sascha Ditscher/dpa
In Ludwigshafen wächst nach Angaben der Stadt die Nilgans-Population, insbesondere an Badegewässern. Dort setzt die Verwaltung bislang auf Vergrämungsmaßnahmen wie das Verjagen der Tiere, den Einsatz von Hunden sowie die konsequente Durchsetzung eines Fütterungsverbots. Die zweitgrößte Stadt des Bundeslandes hat einen «Runden Tisch Wildgänse» gegründet, bestehend etwa aus Verwaltung, Jagd, Landwirtschaft und Naturschutz, der sich in allen diesbezüglichen Fragen abstimmt.
In Kaiserslautern sind Nilgänse ebenfalls verbreitet - etwa an den Siegelbacher Teichen, einem beliebten Naherholungsgebiet. Eine Beeinträchtigung heimischer Arten sei in der pfälzischen Stadt jedoch aktuell nicht bekannt. Seitens des Ordnungsamts lägen derzeit keine Probleme mit Nilgänsen vor.
Flugdrachen und Raubvogelschreie
In Mainz sieht die Stadtverwaltung keinen akuten Handlungsbedarf. «Sowohl für am Rhein gelegene Naturschutzgebiete und auch für das gesamte Stadtgebiet liegen uns aktuell keine Beschwerden vor, aus der sich ein Handlungserfordernis ergeben würde», betonte ein Sprecher. «Im Umgang mit Nilgänsen empfehlen wir, Abstand und Respekt zu wahren.» Kennzahlen zur Populationsentwicklung seien der Landeshauptstadt nicht bekannt.
Angespannter klingt die Lage in Koblenz. «Probleme durch Verschmutzungen infolge von Nilgänsen gibt es im gesamten Stadtgebiet auf wassernahen Grünflächen», teilte ein Stadtsprecher mit. Die Verwaltung habe zahlreiche Anstrengungen unternommen, die Zahl der Tiere zu kontrollieren - etwa Flugdrachen mit Vogelsilhouetten, Drohnenflügen und Raubvogelschreien.
Im vergangenen Sommer habe der Stadtrat die Verwaltung beauftragt, ein Konzept zum tiergerechten Umgang mit Nil- und Kanadagänsen im Stadtgebiet zu entwickeln. Die Ergebnisse sollen im Umweltausschuss beraten werden.

Besonders entlang von Rhein und Mosel, aber auch an Badeseen und Stadtgewässern ist die Nilgans häufig anzutreffen. (Archivbild) | Marijan Murat/dpa
«Zur aktuellen Populationsdichte der Nilgans in Rheinland-Pfalz liegen uns keine Informationen vor», teilt Harres vom Nabu mit. Nach Einschätzung des Verbands sei die Art in weiten Teilen des Landes fest etabliert. «Sie kommen vor allem entlang des Rheins und der Mosel vor, bevorzugen aber auch andere größere Stillgewässer. Besonders im Oberrhein-Tiefland ist die Art verbreitet.»
Gans - oder gar nicht?
Die Tiere seien von Menschen «eingebürgert» worden, profitierten von günstigen Bedingungen und seien anpassungsfähig. «Da es bisher keine klaren Hinweise auf eine tatsächliche Schädlichkeit für die biologische Vielfalt und das damit verbundene ökologische Gleichgewicht gibt, ist die Nilgans aus naturschutzfachlicher Sicht bisher als unproblematisch einzustufen», so Harres.
Kritik kommt auch von der Tierrechtsorganisation Peta. «Fühlende Lebewesen erschießen zu lassen, weil man sich durch ihre Hinterlassenschaften gestört fühlt, ist ein Armutszeugnis und völlig unverhältnismäßig», teilt Fachreferent Peter Höffken mit. Der Kot lasse sich mit speziellen Kehrmaschinen mit Saugfunktion effektiv beseitigen. «Wir Menschen», meint Höffken, «sollten unseren wildlebenden Mitgeschöpfen Toleranz und Respekt entgegenbringen.»
dpa
Bild: Laut EU-Verordnung gilt die Nilgans seit 2017 als invasive gebietsfremde Art. (Archivbild) | Rolf Vennenbernd/dpa
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