«Irgendwas stimmt da nicht»: Ex-Abiturient verklagt das Land

 

«Irgendwas stimmt da nicht»: Ex-Abiturient verklagt das Land

Wie viel Unterricht muss der Staat garantieren? Nach Hunderten ausgefallener Stunden lässt ein ehemaliger Gymnasiast in Rheinland-Pfalz das nun juristisch klären.

Landau/Pfalz (dpa) -

Erst ist es nur eine freie Stunde. Dann noch eine. Eine Vertretung. Eine Dienstbesprechung. Ein Freitag, an dem nichts stattfindet. Irgendwann beginnt Susanne Walk, den Stundenplan ihres Sohnes Elija zu fotografieren. Sie notiert Fach, Uhrzeit, Grund des Ausfalls. Drei Jahre lang. «Ich habe gedacht: Irgendwas stimmt da nicht.»

Am Ende steht eine Zahl, die Ausgang eines ungewöhnlichen Rechtsstreits ist: Für Elija Walk sind am Eduard-Spranger-Gymnasium in Landau demnach 405 Stunden ausgefallen. Deswegen verklagt der 20-Jährige das Land Rheinland-Pfalz. Dass der Fall längst bundesweit Wellen schlägt, zeigen Reaktionen auch im Internet von Hamburg bis München. Und dass es viele Stunden waren, bestreiten auch die Behörden nicht.

«Dann wird man frustriert oder wütend»

Elija Walk studiert mittlerweile Sozial- und Kommunikationswissenschaften in Landau. Sein Abitur sei geschrieben, daran ändere kein Verfahren etwas. Darum gehe es ihm auch nicht, sagt er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Sondern darum, ob im nächsten Schuljahr wieder jemand in einem Raum ohne Unterricht sitzt - und am Ende allein dafür geradesteht.

Besonders drastisch sei es in Biologie gewesen, schildert er. «Wenn eins von fünf großen Themen, das im Abi vorkommt, gar nicht behandelt wird, kann das eigentlich gar nicht sein.» Bei der Vorbereitung auf Klausuren hätten Themen auf dem Plan gestanden, die kaum oder gar nicht behandelt worden seien. «Dann wird man frustriert oder wütend, obwohl man gar nichts dafür kann.»

Am 30. Oktober wird vor dem Verwaltungsgericht öffentlich in der Hauptsache verhandelt.

Am 30. Oktober wird vor dem Verwaltungsgericht öffentlich in der Hauptsache verhandelt. | Uwe Anspach/dpa

Seine Mutter möchte sich nicht länger auf ein Gefühl verlassen. Sie beginnt, den digitalen Stundenplan zu fotografieren. «Manchmal auch mehrmals, weil sich im Laufe des Tages etwas geändert hat.»

Geplante Ausfälle - Klassenfahrten oder Lehrerfahrten etwa - habe sie gar nicht eingerechnet. Auch eine Vertretungsstunde ohne fachlich passenden Unterricht habe sich nicht immer als Ausfall niedergeschlagen. Für den Schüler habe es sich trotzdem ähnlich angefühlt. «Dann bringt es ja auch nicht viel», sagt Walk.

Homeschooling aus Not

Susanne Walk spricht von Fassungslosigkeit. Sie habe sich gefragt: «Wofür gibt es eine Schulaufsicht? Was machen die?» Gespräche mit Lehrern und Schulleitung habe es gegeben. Die Familie habe gehört, es werde sich gekümmert, es werde besser. Doch aus ihrer Sicht änderte sich wenig. «Es kann nicht sein, dass so viel Unterricht ausfällt.»

Elija Walk versucht, die Lücken selbst zu schließen. «Da muss man zu Hause die Bücher im Voraus durchgehen, googeln, YouTube-Videos schauen.» Das sei etwas anderes als Unterricht. Es fehlten die Rückfragen, die Lernumgebung. «Es war eben alles nicht so gut wie der echte Unterricht.» Hier sieht er die größere Frage: Was passiert, wenn Eltern die Lücken nicht auffangen können?

Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) bestätigt eine «unglückliche Häufung von Ausfall». Für einen Nachteil bei der Abiturprüfung sieht sie keinen Beleg. Ausfall von Lehrkräften in Leistungskursen der Oberstufe würden in der Regel von Stammpersonal vertreten. «Das ist an der Schule auch geschehen.»

Was die Behörde sagt

Der ADD hätten keine Beschwerden anderer Schüler des Jahrgangs vorgelegen. «Selbstverständlich ist ein vollständig stattfindender Unterricht im Hinblick auf eine umfassende Allgemeinbildung sinnvoll und wünschenswert», teilt die Behörde mit. «Für die Leistungen, die in der Abiturprüfung erbracht werden können, war der Stundenausfall allerdings nicht von Nachteil.» Sie verweist auch auf die Bedeutung selbstständigen Arbeitens in der Oberstufe.

Susanne Walk sagt, geärgert hätten sich viele Eltern und Schüler, einige hätten die Stunden gezählt und Screenshots vom Vertretungsplan angefertigt - so sei die Familie erst auf die Idee gekommen, es genauso zu machen. Alle hätten aber letztlich darauf vertraut, dass sich die Schulleitung kümmere.

Elija Walk will, dass sich für die nachfolgenden Jahrgänge etwas ändert. Dazu hat er auch eine Petition mit Vorschlägen an den Bürgerbeauftragten des Landtags in Mainz geschrieben.

Elija Walk will, dass sich für die nachfolgenden Jahrgänge etwas ändert. Dazu hat er auch eine Petition mit Vorschlägen an den Bürgerbeauftragten des Landtags in Mainz geschrieben. | Uwe Anspach/dpa

Elija Walk beantragt nach dem Abitur die Neubewertung seiner Klausuren und Halbjahresnoten in Deutsch, Biologie und Sport. Der Antrag wird abgelehnt. Ein juristisches Eilverfahren bleibt in zwei Instanzen erfolglos: Das Verwaltungsgericht Neustadt lehnt den Antrag im Juni ab, das Oberverwaltungsgericht Koblenz weist die Beschwerde zurück.

In der Sache selbst ist damit aber nichts entschieden. Am 30. Oktober wird vor dem Verwaltungsgericht Neustadt öffentlich in der Hauptsache verhandelt.

Petition an den Landtag

Es geht um eine Frage, für die es nach Einschätzung von Walks Anwalts Martin Malcherek bislang wenig juristische Orientierung gibt. «Wir sind hier im Neuland.» Politisch sei die Sache für ihn eindeutig: «Ein Skandal, dass so viel Unterricht ausfällt.» Rechtlich müsse genauer hingesehen werden. Denn die eigentliche Frage reiche über Walks Abiturnote hinaus. Was bedeutet es für Bildungschancen, wenn Schüler unterschiedlich viel Unterricht erhalten?

Walk will, dass sich für die nächsten Jahrgänge etwas ändert. Dazu hat er eine Petition mit Vorschlägen an den Bürgerbeauftragten des Landtags geschrieben: einheitliche Definition von Unterrichtsausfall, automatisierte Erfassung, für Eltern Einsichtsrechte, verbindliche Schwellenwerte, unabhängige Validierung.

Seine Mutter sieht es ähnlich: «Der Staat hat eine gewisse Aufgabe. Es gibt ein Bildungsrecht, es gibt ein Schulrecht, und es muss einfach auch eingehalten werden.» Und so ist aus den Fotos eines Stundenplans, aus einer Excel-Tabelle und viel Unterrichtsausfall eine Grundsatzfrage geworden. Susanne Walk hat drei Jahre lang die Stunden gezählt. Am 30. Oktober wird ein Gericht prüfen, welche Bedeutung diese Zahlen rechtlich haben.

dpa

Bild: Elija Walk beantragt nach dem Abitur die Neubewertung seiner Klausuren und Halbjahresnoten in Deutsch, Biologie und Sport. | Uwe Anspach/dpa

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Datum: 22.09.2026
Rubrik: Lokales
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