
Ein halbes Jahrhundert auf Stechmückenjagd: Die Kabs wird 50
Im Winter über Stechmücken reden? Ja - denn ein Verein feiert Jubiläum. Viele Kommunen in Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg verdanken ihm Grillabende ohne die kleinen Blutsauger.
Speyer (dpa) -
Wer heute entspannt im Oberrheingebiet an einem Sommerabend draußen sitzt, ahnt kaum, dass das vor einigen Jahrzehnten eher selten möglich war. Der Grund: Scharen von Stechmücken. Zwar hatte sich schon 1910 eine Vereinigung zur Bekämpfung der Stechmücken- und Schnakenplage gegründet. Doch der Erfolg blieb bescheiden. Nach dem Zweiten Weltkrieg brach die Bekämpfungsstruktur zusammen. Übertrieben gesagt: Man musste mit den Plagegeistern leben – oder drinnenbleiben.
Stechmücken eindämmen, ohne die Natur zu ruinieren
2026 sind es 50 Jahre, dass Kommunen in Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg damit Schluss machen wollten. Es war die Gründungsstunde der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage, kurz Kabs. Die Idee war so simpel wie ambitioniert: Stechmücken eindämmen, ohne die Natur zu ruinieren. Dass dieses Ziel sich seit einem halben Jahrhundert kaum verändert hat, ist ungewöhnlich. «Denn alles andere hat sich grundlegend gewandelt», sagt der wissenschaftliche Kabs-Direktor Dirk Reichle.

Behandelt werden nach Kabs-Angaben ausschließlich bekannte Brutstätten. (Archivbild) | Uli Deck/dpa
«Anfangs experimentierten die Fachleute etwa mit dem Carbamat Fenethcarb und der Paraffinöl-Mischung Liparol», erzählt Reichle. «Die eigentliche Revolution kam jedoch – fast wie bestellt – im Jahr der Vereinsgründung.» In der Negev-Wüste habe der israelische Wissenschaftler Joel Margalit ein Bakterium entdeckt, dessen Eiweißkristalle gezielt Stechmückenlarven töten: Bacillus thuringiensis israelensis, kurz Bti. «Schon ab 1980 testete die Kabs den Wirkstoff im Feld, ab 1983 wurde er zum Standard - bis heute.»
Während die Methode feiner wurde, wurde die Lage komplizierter. Fünf exotische Arten haben sich mittlerweile im Oberrheingebiet breitgemacht: neben der Asiatischen Tigermücke auch die Japanische und Koreanische Buschmücke sowie Culiseta longiareolata und Anopheles petragnani. «Mit der Asiatischen Tigermücke rückt die Gesundheitsvorsorge in den Vordergrund», sagt der Kabs-Direktor. Spätestens seit 2025, als im Elsass erstmals ein heimisch übertragener Fall von Chikungunya-Fieber registriert wurde, sei klar: «Die Region ist verwundbarer geworden.»
Musterbeispiel kommunaler Kooperation
Und doch: Die Bilanz der Kabs gilt als Musterbeispiel kommunaler Kooperation. Im Auwald und in Sumpfgebieten werden die relevanten Arten so stark reguliert, dass ganze Landstriche eine neue Freiheit gewonnen haben. «Die Vorstellung, sich nach einem Hochwasser ungestört im Freien aufhalten zu können, wäre vor 1976 grotesk gewesen», schildert Reichle.

Die Asiatische Tigermücke verbreitet sich seit einiger Zeit in Deutschland. (Archivbild) | Uwe Anspach/dpa
Das rheinland-pfälzische Ministerium für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten bezeichnete die Arbeit der Kabs bereits 2021 als «notwendig». Die Folge sei «eine gesteigerte Wohn- und Lebensqualität für die Bürgerinnen und Bürger in den betroffenen Bereichen», hieß es auf eine Kleine Anfrage.
Ausbreitung der Asiatischen Tigermücke
Ganz ungestört arbeitet die Kabs jedoch nicht. Seit Inkrafttreten einer geänderten Verordnung (ChemBiozidDV) dürfen Kommunen Bti-Tabletten nur nach einer speziellen Schulung ausgeben. Wer sie absolviert, hat fünf Jahre Ruhe – aber das Schulungsangebot endet im Mai 2026. Ob die Regelung verlängert, umgebaut oder ganz gestrichen wird, ist unklar. Angesichts der Tigermücken-Ausbreitung drängt die Kabs auf eine Entscheidung aus Berlin.
Finanziert wird der Verein über Umlagen der Mitgliedskommunen, gestaffelt nach Einwohnerzahl. Dazu kommen Drittmittel aus Projekten wie Interreg. Der Etat ist mit den Jahrzehnten stark gewachsen und liegt heute bei rund 7,8 Millionen Euro. 71 Beschäftigte arbeiten dauerhaft für die Kabs, zusätzlich rücken je nach Saison bis zu 200 Hilfskräfte aus.
Es geht nur gemeinsam
50 Jahre nach Gründung gilt die Kabs längst als Erfolg. Die Verantwortlichen verweisen dazu auf einen Faktor, der in keiner biologischen Analyse vorkommt: Solidarität. «Fast alle Rheinanlieger der Region ziehen mit», betont Reichle. «Nur so lässt sich etwas bekämpfen, das mühelos über Gemeindegrenzen fliegt. Ein Ort allein hätte weder die finanziellen Mittel noch eine Chance auf Erfolg.»
Und dann sei da ein Mythos, der sich hartnäckig halte, meint der Direktor: dass die Kabs im Auwald großflächig Bti versprühe. Tatsächlich nutze der Verein seit Jahrzehnten ein fein austariertes Kartiersystem. Behandelt würden lediglich bekannte Brutstätten – mosaikhaft, nicht flächendeckend. Auch das sei eine Lehre aus 50 Jahren Stechmückenbekämpfung: Präzision schlägt Breite.
dpa
Bild: Für Kabs-Direktor Reichle rückt mit der Asiatischen Tigermücke die Gesundheitsvorsorge in den Vordergrund. (Archivbild) | Uwe Anspach/dpa
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