
Männer singen anders
Spaß und Freude am Singen sind da – aber bitte ohne Leistungsdruck. Beim Singen wird viel von der Persönlichkeit preisgegeben.
Mainz/Neuwied (dpa/lrs) -
Haben Männer keine Lust auf Singen? «Doch», sagt der langjährige Chorleiter Tobias Hellmann. «Beim Singen gibt man aber sehr viel von seiner Persönlichkeit preis. Und es gibt zunehmend ein Umfeld, das gegenüber Schwächen sehr intolerant ist.»
In vielen Gesprächen bekomme er mit, dass Männer in ihrer Freizeit neben den Aufgaben im Beruf und für die Familie nicht noch einer weiteren Anforderung nachkommen wollen, berichtet der Geschäftsführer des Chorverbands Rheinland-Pfalz. «Formate wie das Rudelsingen, wo kein Perfektionsanspruch an sie gestellt wird, nehmen sie aber sehr wohl an.»
Nicht perfekt, aber mit richtig Spaß
Als Beispiel nennt Hellmann auch den Mitgliedschor «Missemer Turmspatzen» mit überwiegend jungen Männern, die ganz offen sagen würden: «Jawohl, wir singen nicht perfekt, wollen wir auch gar nicht, müssen wir auch nicht unbedingt, aber wir haben richtig Spaß an der Sache.»
Die Zahl der Chöre und der Menschen, die sich dafür in Rheinland-Pfalz in einem Verein engagieren, hat in den vergangenen Jahren abgenommen. Das betrifft Erwachsene wie Kinder gleichermaßen. Gerade der Anteil der Männer sinkt jedoch spürbar. Besonders die Generation zwischen 30 und 60 Jahren fehle vielfach in den Vereinen, sagt der Geschäftsführer.
Weniger Kinder und weniger Erwachsene in Vereinen
Waren im Jahr 2016 noch mehr als 48.300 Erwachsene in einem Chor aktiv, so lag die Zahl nach Angaben des Kulturministeriums im vergangenen Jahr nur noch bei mehr als 33.400. Bei den Kindern und Jugendlichen gingen die Mitgliederzahlen von rund 8.800 auf etwa 5.300 zurück.
Das Ministerium beruft sich bei seinen Angaben auf die beiden größten Vereine im Land: den Chorverband Rheinland-Pfalz mit Sitz in Neuwied für den nördlichen Teil des Landes und den Chorverband Pfalz mit Sitz in Essingen. Beide Verbände zählen derzeit zusammen rund 1.500 Chöre, teilte Staatssekretär Jürgen Hardeck auf eine parlamentarische Anfrage des fraktionslosen Abgeordneten Martin Louis Schmidt mit.
Verändertes Freizeitverhalten
Daneben gibt es in der heterogenen Szene in Rheinland-Pfalz auch noch Verbände für die Kirchenmusik sowie Chorgruppen, die nicht in Verbänden oder als Verein organisiert sind.
Eine geringe Bereitschaft für eine langfristige Bindung, fehlende Möglichkeiten, sich dauerhaft regelmäßig an einen Verein zu binden und ein geändertes Freizeitverhalten nennt Chorleiter Hellmann einen Ausschnitt von vielen Gründen für die zurückgehenden Zahlen. Es gebe jedoch auch wieder einen leichten, kontinuierlichen Anstieg an Projektchören. Das seien begeisterte Sängerinnen und Sänger, die für einen begrenzten Zeitraum mit einer eigenen Idee zusammenkommen wollen.
Integration und Inklusion bei Chören noch kaum ein Thema
Es sei aber auch wichtig für die Chöre, offen für Neues zu sein. «In unserer Verbandsstruktur ist sowohl das Thema Integration als auch die Inklusion bis auf wenige Ausnahmen noch nicht wirklich zum Tragen gekommen», erklärt der Geschäftsführer. Da gebe es Hemmschwellen auf beiden Seiten, die Verzahnung sei anspruchsvoll.
Die Erklärung dafür sei ähnlich wie bei der Zurückhaltung bei Männern für das Engagement in einem Chor: «Jemand der singt, der fühlt sich mit einem gesungenen Ton deutlich verletzlicher als wenn er einen Ton mit einem Instrument erzeugt. Weil das eine ist an ihm dran und das andere ist in ihm drin.»
Väter folgen auf Kinder
Dass es aber auch einen gegenläufigen Trend gibt, beweist die Sängervereinigung Saulheim: Die drei Kinder- und Jugendchöre haben regen Zulauf und zählen mittlerweile 136 Vereinsmitglieder, berichtet der Vorsitzende Fritz Dechent. Und über ihre Kinder seien inzwischen auch über 20 Väter zum Männerchor der Sängervereinigung dazugekommen.
Bei der Probe des Männerchors sitzen Rentner, die früher etwa Winzer oder Berufssoldat waren, neben einem Grundschullehrer, einem Maschinenbauingenieur oder einem Projektmanager aus der Pharmaindustrie. «Den Alltag vergisst du hier. Du bist beim Singen bei dir», sagt Dechent, der seit 1990 im Vorstand aktiv ist. Bereits sein Vater und Großvater waren im Gesangsverein engagiert.
Vertrautheit im Männerchor
Das jüngste Chormitglied ist Mitte 30, das älteste 89 Jahre alt. Die meisten jüngeren Sänger sind vor wenigen Jahren durch eine Vereinsaktion zum Männerchor gekommen: Väter sangen mit ihren Kindern zwei Lieder – bei einem Konzert an Weihnachten. Da stand auch Stefan Knoob zum ersten Mal singend auf der Bühne vor 100 Leuten. «Dann hat’s mich mitgerissen», sagt der 47 Jahre alte Maschinenbauingenieur. «Für mich ist die Chorprobe eine Auszeit im Alltag. Ich genieße das richtig.»
dpa
Bild: Singen im Chor als Auszeit im Alltag. | Michael Brandt/dpa
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