
Auf Meteoritenjagd in Koblenz: «Frischer geht es kaum»
70 Sternschnuppen, ein Glas Wein und eine neue Leidenschaft: Wie eine Sommernacht Stephan Decker zum Meteoritensammler machte und was er über den Einschlag eines Exemplars in ein Koblenzer Haus sagt.
Oberwesel/Koblenz (dpa) -
Schon in der Kindheit sammelte Stephan Decker Steine. Das ist heute nicht anders – allerdings besteht seine Sammlung nicht mehr aus Allerweltskieseln, sondern aus außerirdischen Meteoriten. «Man sagt ja immer, Männer seien Jäger und Sammler – da ist wohl etwas im Blut geblieben», sagt er inmitten von zahlreichen Exponaten in seinem Meteoriten-Museum im rheinland-pfälzischen Oberwesel.
Ob er in Zukunft auch den Meteoriten ausstellen kann, der am Sonntagabend in ein rund 40 Kilometer entferntes Koblenzer Hausdach gekracht ist, bleibt abzuwarten. Bei dem Einschlag entstand nach Angaben des Landesamtes für Brand- und Katastrophenschutz ein etwa fußballgroßes Loch im Dach. Der Meteorit landete mitten im Schlafzimmer des Hauses – verletzt wurde aber niemand.

Der helle Schein war am Abendhimmel im Westen Deutschlands zu sehen. (Archivbild) | Gianni Gattus/TNN/dpa
Auf der Jagd nach einem Stück Weltraum
«In der Sammlerszene können Meteoriten sehr gefragt sein, besonders wenn sie spektakulär eingeschlagen sind, etwa in ein Gebäude», weiß Decker. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Meteoritenjäger kurz nach Bekanntwerden bereits in den verschiedensten Gruppen unter anderem auf Facebook über das Ereignis in Koblenz austauschten. Einige machten sich sofort auf den Weg dorthin, so etwa der Franzose Thierry Monter aus der Grenzstadt Thionville.
Als Decker von dem Ereignis erfuhr, schlug sein Sammlerherz direkt schneller. Auch er machte sich auf den Weg nach Koblenz und es gelang ihm, dort einen Blick auf die zersplitterten Himmelskörper zu werfen. Insgesamt wurden laut Polizeiangaben elf Gesteinsteile mit Gewichten von 6 bis 161 Gramm gefunden. Der größte Stein war demnach etwa so groß wie ein Tennisball.
«Das Fragment, das ich gesehen habe, hatte eine schwarzglasige, glänzende Schmelzkruste – frischer geht es kaum», berichtet der Museumsinhaber. Zu dem Zeitpunkt war der Meteorit gerade einmal einen Tag alt. Die Schmelzkruste auf der Oberfläche entstehe durch die enorme Reibungshitze beim Eintritt in den Luftraum der Erde.

Ob es sich bei gefundenen Steinen um Meteoriten handelt, kann Stephan Decker prüfen. | Thomas Frey/dpa
«Wenn wir Glück haben, handelt es sich um einen sogenannten Diogenit, also einen Steinmeteoriten, der wahrscheinlich vom Asteroiden Vesta stammt», sagt Decker. Das lasse sich aber im Moment nur vermuten, die genaue Klassifikation könne erst eine wissenschaftliche Analyse bestätigen. Der Sammler prüft selbst regelmäßig Fundstücke.
Eine Sommernacht, die alles änderte
Früher betrieb Decker in dem heutigen Ausstellungsraum einen Computerservice. Doch ein Ereignis änderte alles: «Im August 1998 saßen wir abends auf der Terrasse und haben ein Glas Wein getrunken. Plötzlich kam eine Sternschnuppe nach der anderen.» Decker erlebte den jährlichen Strom der Perseiden – und war begeistert. «Wir saßen dort bis zwei Uhr morgens und haben 70 Sternschnuppen gezählt.» Und er sagte sich: «Das ist ja der Wahnsinn – davon möchte ich eine haben.» Sternschnuppen sind Steine aus dem Weltall, in der Fachsprache nennt man die Lichterscheinung Meteor. Kommen sie oder Teile davon auf dem Erdboden an, sprechen Experten von Meteoriten.
Kurz darauf kaufte Decker sich seinen ersten Meteoriten. «Das hat mich sofort fasziniert», erinnert er sich. Er recherchierte, kaufte weitere Objekte und verkaufte Teile oder tauschte sie auch, um die Kollektion zu erweitern. «Als ich mit der Zeit eine größere Sammlung zusammenhatte, dachte ich mir: Diese schönen Steine können doch nicht einfach in der Schublade liegen, die gehören in eine Vitrine.» Die Idee für das Museum war geboren. «So wurde aus meinem Hobby und meiner Leidenschaft schließlich auch meine Berufung», sagt Decker.
Von silberglänzenden Steinen, kaum größer als ein Fingernagel, bis zu kohlschwarzen Brocken von der Größe einer Bowlingkugel – seit der Museumseröffnung im Jahr 2011 ist Deckers Sammlung stetig gewachsen.

Im Jahr 2011 hat Stephan Decker sein Meteoriten-Museum eröffnet. | Thomas Frey/dpa
«Spuren aus der Vergangenheit»
«Die meisten Meteoriten stammen aus dem Asteroidengürtel und sind Überbleibsel aus der Entstehung unseres Planetensystems», erklärt er. Und genau darin liege die Faszination: «In ihnen stecken Spuren aus der Vergangenheit.» Anhand ihrer Zusammensetzung könne man vieles darüber herausfinden, wo sie herkommen und wie sie entstanden sind. Das sei nicht nur für Sammler, sondern gerade auch für Wissenschaft und Forschung hoch spannend.
Das sieht auch Asteroidenexperte Detlef Koschny von der Technischen Universität München so: «Wenn ich einen Meteorit in der Hand habe, dann habe ich ein Stück der Geschichte der Entstehung des Sonnensystems in der Hand – das ist total cool.» Das Material könne chemisch untersucht und damit im besten Fall auch die Frage geklärt werden, wo genau es aus dem Sonnensystem herkam.
Wer einen Meteoriten findet, sollte laut Decker vor allem eins beachten: nicht mit bloßen Händen anfassen. «Am besten legt man ihn in Aluminiumfolie und anschließend in eine Tüte. So bleibt er frei von äußeren Einflüssen wie Schweiß oder Fett, die die wissenschaftliche Untersuchung verfälschen könnten», rät er.
In Rheinland-Pfalz gehöre ein Meteorit grundsätzlich dem Finder beziehungsweise dem Grundstückseigentümer. «Findet man ihn auf einem fremden Grundstück, muss man sich mit dem Eigentümer einigen», so Decker. Seltene Meteoriten können demnach einen Wert von mehreren Tausend Euro pro Gramm erreichen.
dpa
Bild: Mit einer Präzisionssäge schneidet Stephan Decker hauchdünne Scheiben von den Steinen ab. | Thomas Frey/dpa
Berichterstattung regional und aktuell aus Koblenz und der Region Mittelrhein.















































