
Reiz bis Resignation: Was zwei Kommunen übers Land denken
Orte wie Andernach und Weisenheim am Sand können viel über die Stimmung vor der Landtagswahl sagen. Ein Blick auf Sorgen, Hoffnungen und Forderungen.
Andernach/Weisenheim (dpa) -
Die Spannung steigt vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz am kommenden Sonntag (22.3.) - auch in Andernach und Weisenheim am Sand. Dort rieben sich manche nach der Wahl 2021 die Augen. Kein Wunder: Was die Ergebnisse der Parteien anging, hatten die beiden Orte verblüffenderweise im Kleinen fast genauso abgestimmt wie Rheinland-Pfalz insgesamt. Zwei Kommunen als Spiegel des Bundeslandes? Eine Spurensuche.
«Weisenheim am Sand hat rund 4.500 Einwohner, die Bevölkerung ist vielfältig – von Angestellten über die Arbeiterschaft bis zur Selbstständigkeit», sagt Ortsbürgermeister Holger Koob. «Lokal kann sich durchaus ein Ergebnis zeigen, das dem Landestrend entspricht.» Nach seiner Einschätzung spielt aber die Bekanntheit eines Kandidaten die größte Rolle. «Wer als vertrauenswürdig gilt und populär ist, ist entscheidend. Parteizugehörigkeit ist oft zweitrangig.»
Reizthemen Inflation, soziale Gerechtigkeit, Migration
Zwar war in dem Ort im Kreis Bad Dürkheim das Resultat 2021 nicht exakt auf Landesniveau. Aber doch sehr nahe dran: So wurde die SPD mit 35,7 Prozent stärkste Kraft (landesweit 35,7), gefolgt von der CDU mit 28,1 Prozent (27,7) und den Grünen mit 9,1 Prozent (9,3). Dahinter platzierten sich die AfD mit 9,0 (8,3), die FDP mit 6,8 (5,5) und die FW mit 5,6 (5,4) Prozent.
Die Stimmung vor der Wahl beschreibt der parteilose Koob als gespannt. «Die Menschen verfolgen die Politik, sie reagieren auf Themen wie Inflation, soziale Gerechtigkeit oder Migration. Unzufriedenheit gibt es zwar in manchen Punkten, aber gleichzeitig ein Bewusstsein, dass die Verhältnisse hier immer noch relativ gut sind, bedingt durch große Arbeitgeber in der Metropolregion.»

Holger Koob ist seit 2024 Ortsbürgermeister von Weisenheim am Sand. | Uwe Anspach/dpa
Protestparteien lauern
Gleichzeitig könnten Protestparteien Stimmen gewinnen, vor allem bei Leuten, die sich wirtschaftlich oder sozial bedroht fühlten. «Strukturprobleme – kleine Handwerksbetriebe, unsichere Jobs – machen Menschen empfänglich für simple Lösungen. Aber hier im Ort sind wir noch moderat», sagt der 63-Jährige.
Ein weiterer Punkt sei die lokale Infrastruktur. Weisenheim verfüge über Kitas, Schulen, Vereine und eine gute Verkehrsanbindung. Doch bei Bauprojekten für Wohn- und Gewerbegebiete stoße die Gemeinde immer wieder auf Hindernisse, durch die Bürokratie in den Verwaltungen. «Die Jugend braucht Perspektiven, erschwinglicher Wohnraum ist entscheidend», betont der Bürgermeister.
Und wie ist es in Andernach?
Auch in Andernach im Kreis Mayen-Koblenz wählten die Menschen 2021 fast wie das Endergebnis. Die SPD erhielt mit 36,9 Prozent die meisten Stimmen (landesweit 35,7). Darauf folgte die CDU mit 27,1 Prozent (27,7) und die AfD mit 9,5 Prozent (8,3). Danach kamen die Grünen mit 8,7 Prozent (8,3) und die Freien Wähler mit 5,3 Prozent (5,4).

Die Menschen in Andernach haben Forderungen an die Politik. (Symbolbild) | Thomas Frey/dpa
Politik für Menschen
Der Präsident des Festausschusses des Andernacher Karnevals, Jürgen Senft, fordert Politik für Bürger statt Wahlkampf für Parteien. «Von einer neuen Regierung, egal ob auf Landes- oder Bundesebene, wünsche ich mir immer, dass unsere Steuergelder sinnvoll angelegt und wichtige Probleme angegangen werden.»
«Aus meiner Sicht ist eines der größten Probleme in Andernach, und nicht nur dort, das Sterben des Einzelhandels und der kleinen und mittleren Fertigungs- und Gewerbebetriebe», ergänzt Senft. Das quasi repräsentative Ergebnis in Andernach 2021 ist aus seiner Sicht Zufall.
Jugend und Rentner
Tarek Afghani, Vorsitzender des Sportvereins TG Jahn Namedy 1910 e.V., sieht einiges, das gerade schiefläuft. «Ich glaube, die Menschen sind von der aktuellen Regierung und auch der davor sehr enttäuscht.» Für den Sport und fürs Ehrenamt gebe es kaum Förderung, gerade die Jugend werde im Stich gelassen. Zudem würden die Transportkonzepte für Rentner nicht funktionieren.
«Auch in der Wirtschaft verstehe ich viele Entwicklungen nicht, aus meiner Sicht hat "Made in Germany" deutlich an Wert verloren», sagt der 40-Jährige aus Andernach. «Bei der Auswahl meines nächsten Fahrzeugs werde ich definitiv die innovativen asiatischen Hersteller mit betrachten.»

Ein ehemaliges Kaufhaus in Andernach, das immer wieder den Besitzer wechselte und leer stand, kaufte die Stadt 2021. (Symbolbild) | Thomas Frey/dpa
Keine Hoffnung auf Besserung?
Er werde auf jeden Fall wählen gehen, denn die Demokratie sei ein wertvolles Gut, meint Afghani. Doch: «Die Hoffnung auf Besserung ist irgendwie weg. Die Altparteien können sich weiter abwechseln, aber davon erwarte ich nicht viel.»
Dass Andernach 2021 so nah am Endergebnis war, überrascht ihn nicht. «Andernach ist sehr facettenreich. Wir haben Industrie, Kultur und Soziales – da ist vom Geschäftsmann bis zum Sozialhilfeempfänger alles dabei. Einfach ein bunter Mix.»
Auch die Andernacher Stadtverwaltung wünscht sich eine Stärkung der Wirtschaft «und endlich den versprochenen Bürokratieabbau». Aus Sicht der Kommune sind fehlende Gestaltungsfreiheiten bei Investitionen aufgrund der schlechten Haushaltslage, bürokratische Hürden, Leerstände in der Innenstadt und in Ansätzen auch der Fachkräftemangel große Herausforderungen.
dpa
Bild: Weisenheim am Sand ist die größte Gemeinde der Verbandsgemeinde Freinsheim. | Uwe Anspach/dpa
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