Wandstaub und Gurkengemüse - Mainzer Unterhaus wird 60

 

Wandstaub und Gurkengemüse - Mainzer Unterhaus wird 60

Es wird gewitzelt, die große Politik aufs Korn genommen und auch gekocht. Eine ganz besondere Kleinkunstbühne, die schon Sprungbrett für große Karrieren war, feiert runden Geburtstag.

Mainz (dpa/lrs) -

Nüchtern gesehen ist es die Kombination aus einem Wohnhaus und einem Weinkeller. Weniger rational betrachtet ist es ein Hort des feinen Humors, der Scharfzüngigkeit und der Gesellschaftskritik. Das Mainzer Unterhaus ist mit Sicherheit nicht die schickste Kleinkunstbühne Deutschlands, aber sie zählt zu den renommiertesten. Auch im Jahr ihres 60. Geburtstages setzen die Macher in den Katakomben am Kupferberg auf Nähe, persönliche Betreuung ihrer Gäste und bisweilen auf Improvisation. 

Oft sitze er abends noch lange mit Künstlern zusammen, sagt Geschäftsführer Gianluca Caso. Das sei Tradition und seit jeher so gewesen, auch unter seinen Vorgängern. So entstehen persönliche Kontakte, Bindungen - für Caso und Co-Chefin Britta Zimmermann ein Grund, weshalb hier auch bundesweit bekannte Kabarettisten oder Comedians auftreten, die große Hallen füllen können. 

Wenn der Chef kocht 

Manchmal kocht der gelernte Koch und Hotelfachmann Caso sogar für Künstler. Matthias Richling habe er mal ein Gurkengemüse zubereitet. Zuerst sei Richling verwundert gewesen, dass Gurken auch warm zubereitet werden können. Inzwischen wolle er das immer haben, sagt Caso. 

Das Unterhaus sei etablierte und Gegenkultur zugleich, sagt Mathias Richling. (Archivfoto)

Das Unterhaus sei etablierte und Gegenkultur zugleich, sagt Mathias Richling. (Archivfoto) | Marijan Murat/dpa

Richling möchte weniger über Gurkengemüse, denn über das Besondere des Unterhauses sprechen. Das habe sich über all die Jahre jung gehalten und sei gleichzeitig so erwachsen, sagt er. «Es ist etablierte und Gegenkultur zugleich.» Er fühle sich dem Unterhaus seit seinen satirischen Anfängen so verbunden, dass er seit Jahrzehnten jedes Jahr dort gastiere. 

Programm-Mix ist den Machern wichtig

Vom Programm her setzt das Unterhaus stets auf einen Mix aus namhaften und weniger bekannten Künstlern, aus welchen, die seit Jahrzehnten aktiv sind und aus Newcomern. Das eine hilft bei der Finanzierung des anderen, wie Caso erklärt. Und es hilft, auch für junges Publikum attraktiv zu bleiben. Immerhin haben sich die Zuschauerzahlen nach der Corona-Pandemie wieder bei etwa 50.000 pro Jahr stabilisiert. 

Im besten Fall werden Künstler, die früh in Mainz auf der Bühne standen, groß und halten dem Haus die Treue. Beispiele gibt es viele. Der in Mainz geborene Kabarettist Lars Reichow nennt das Unterhaus seine Geburtsklinik. 2026 wird er mit seinen «Mainzer Wunschkonzerten» zu sehen sein. «Bis heute ist es ein Ritterschlag, dort auftreten zu dürfen», sagt er. Das Unterhaus sei ein «Wunderwerk an Architektur, Schwitzkasten und politisch-literarischer Traumfabrik».

Reichow vergisst seine ersten Auftritte nie 

Mit dem Schwitzkasten ist es ein Stück weit vorbei, seit die viel Wärme abstrahlenden Glühbirnen durch LED-Leuchten ersetzt wurden, wie Caso sagt. Aber der Rest blieb. Für Reichow ist zentral, dass beide Bühnen - die größere mit 220 Plätzen und die kleinere mit 119 Sitzen - stets gleichwertig behandelt worden sind. So hätten viele Künstlerinnen und Künstler hier wachsen können. 

Für Kabarettist Lars Reichow ist es «ein Ritterschlag», im Unterhaus auftreten zu dürfen. (Archivfoto)

Für Kabarettist Lars Reichow ist es «ein Ritterschlag», im Unterhaus auftreten zu dürfen. (Archivfoto) | Arne Dedert/dpa

Los ging es mit dem Theater noch nicht unter dem Namen Unterhaus am 31. Januar 1966 mit einem Auftritt der «Poli(t)zisten», einer vom früheren ZDF-Redakteur und Unterhaus-Mitbegründer Carl-Friedrich Krüger gegründeten Kabarettgruppe, zunächst an einem anderen Standort. Später folgte der Umzug in das Gewölbe unter der Walpodenstraße. Früher war darüber ein Parkplatz, und in dem benachbarten heutigen Hotel ein Freudenhaus. 

Zu Gast waren schon Größen wie Dieter Hildebrandt, Bruno Jonas, Michael Mittermeier, Hannes Wader oder Reinhard Mey. Im Jubiläumsjahr 2026 treten etwa Ingo Appelt, Florian Schroeder, Katrin Bauernfeind, Ingmar Stadelmann, Harald Schmidt oder das Improtheater Springmaus auf. Max Uthoff ist mit Tochter Toni auf der Bühne, Hans-Joachim Heist macht einen Heinz Erhardt-Abend. 

Auf die Mischung kommt es an

Ziel sei es, Jung und Alt im Publikum und auf der Bühne zu haben, sagt Simone Schelberg, Ex-Landessendedirektorin des SWR für Rheinland-Pfalz, nun im Vorstand des Trägervereins. Es wird wieder Schultheater geben, und es soll rausgehen - «uff die Gass'», wie man in Mainz sagt, mit Aktionen vor Cafés oder vor dem Staatstheater, dazu Straßenmusik. In der zweiten Jahreshälfte soll eine Geburtstags-Gala stattfinden, der genaue Termin steht noch nicht fest. 

Rechts Bar, links eine Grafik mit Künstlern, die schon hier waren.

Rechts Bar, links eine Grafik mit Künstlern, die schon hier waren. | Michael Brandt/dpa

Seit 1972 wird alljährlich im Unterhaus der Deutsche Kleinkunstpreis verliehen, der als bedeutendste Auszeichnung der deutschen Kleinkunstszene gilt. 2000 bekam ihn Urban Priol. «Danach ging es so richtig los», erinnert sich der 64-Jährige. Das sei das Sprungbrett für ihn gewesen. Später moderierte Priol jahrelang die Preisverleihung, zuletzt 2023. 

Er findet Auftritte in dem Gewölbeschlauch herausfordernd. «Da muss man etwas anders spielen, als bei aufgefächerten Bühnen, aber es funktioniert», sagt der Kabarettist. Er erinnere sich an viele Begegnungen nach Vorstellungen. Bei dem für Rheinhessen typischen Spundekäs' werde die Weltlage erörtert. 

«Das schönste und lustigste Gewölbe»

Heimat in der Heimat im weiteren Sinne ist das Unterhaus für Priol. Sein Dialekt, der Mainfränkische, habe mit dem Mainzer Dialekt die größte Überschneidung. «Um mit der Mainzer Fassenachts-Sprache zu sprechen: Es ist das schönste und lustigste Gewölbe, von der Isar bis zur Ölbe», sagt Priol.

Im Unterhaus hängen Plakate zum Deutschen Kleinkunstpreis bis zum Jahr 1972 zurück.

Im Unterhaus hängen Plakate zum Deutschen Kleinkunstpreis bis zum Jahr 1972 zurück. | Michael Brandt/dpa

In diesem Gewölbe hat Caso fast schon alles gemacht. Er war Aushilfe, später Betriebsleiter, seit 2021 ist er Geschäftsführer. Auch als solcher öffnet er Luken im Boden, schaut nach der darunterliegenden Kanalisation, klopft Wände des Tonnengewölbes ab, damit es bei der nächsten Vorstellung Zuschauern nicht in den Schoß staubt. Für ihn ist das Unterhaus wie eine «alte Dame». Einige alte Damen bräuchten vielleicht einen Rollator. «Sie hier braucht ein bisschen mehr.»

dpa

Bild: Geschäftsführer Caso ist gelernter Koch und so etwas wie das Mädchen für alles im Unterhaus. (Archivfoto) | Michael Brandt/dpa

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Datum: 17.03.2026
Rubrik: Lokales
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