
Ein Buch zum 80.: Rafik Schami und die Narben der Erinnerung
Zwischen den Gassen von Damaskus und den Schatten der Gegenwart erzählt der Autor von Frauen und Männern, deren Sehnsüchte auch in Zeiten von Terror und Abschied weiterleben.
Mainz (dpa) -
Kurz vor seinem 80. Geburtstag legt der Erzähler Rafik Schami mit «Das Mosaik der Frauen» einen Roman vor, der wie ein fein zusammengesetztes Bild aus Erinnerungen, Sehnsucht und Hoffnung wirkt. Der am 23. Juni 1946 in Damaskus (Syrien) geborene Erzähler entfaltet darin erneut seine Stärke, poetische und gesellschaftlich wache Geschichten zu erzählen.
Dass vieles im Roman an seine eigene Lebensgeschichte erinnert, empfindet der seit 1971 in Deutschland lebende Autor eher als Erleichterung denn als Belastung. «Es erleichtert das Erzählen, da ich sicher bin, wovon ich erzähle», sagte Schami der Deutschen Presse-Agentur. Doch das Erlebte müsse geprüft und verwandelt werden, damit daraus Literatur werde.
Warum Schami autobiografische Spuren bewusst zulässt
In «Das Mosaik der Frauen» schildert Schami Frauenleben voller Mut, Widersprüche und Verletzlichkeit. Die Figuren stammen aus unterschiedlichen Generationen und sozialen Milieus, ihre Geschichten greifen ineinander wie einzelne Steine eines Mosaiks. Politische Unterdrückung, familiäre Konflikte und persönliche Träume verbindet der Schriftsteller dabei mit leichter Hand.
Wichtig war ihm, auch Tabuthemen offen anzusprechen. Dazu gehören Tod und Impotenz. Tabus hätten viel mit Erziehung und dem Zustand der Freiheit einer Gesellschaft zu tun, sagt Schami. Für ihn existiere kein vernünftiger Grund, solche Themen aus Gesprächen oder der Literatur zu verbannen.
Frauenfiguren zwischen Mut und gesellschaftlichem Druck
Wie schon in früheren Werken beweist sich der Schriftsteller als Meister atmosphärischer Bilder. Märkte, Innenhöfe und Gassen erscheinen voller Farben, Gerüche und Geräusche. Leserinnen und Leser tauchen tief in diese Welt ein, während der Ton trotz aller gesellschaftlichen Schwere leicht bleibt.
So erfährt man, wie man die Frau eines Ministerpräsidenten besänftigt, was ein Kamel 500 ist und warum ein junger Mann namens Mufid Mundgeruch hat. Aber auch, wie sich der Terror in Syrien ausgebreitet hat und warum eine Frau namens Salma das Leben ihres Mannes rettet, den Geheimdienst austrickst und teuer dafür bezahlen muss. Schami schildert klug und spart Leid und Tod nicht aus.
Erstmals seit Jahrzehnten wird der Autor mit einem neuen Buch jedoch nicht auf Lesereise gehen. Das falle ihm schwer, sagt er offen. Er habe die Tourneen geliebt - trotz aller Strapazen. Denn all das sei nach wenigen Minuten auf der Bühne vergessen gewesen. «Zu erleben, wie Erwachsene allein über das Zuhören verzaubert werden», gehöre zu den größten Freuden seines Berufs.
Die Magie des Erzählens
Menschen würden für kurze Zeit ihren Alltag vergessen und gemeinsam mit seinen Figuren durch die Gassen und Abenteuer seiner Romane ziehen. Gerade darin zeigt sich vielleicht am stärksten, was Schamis Werk seit Jahrzehnten auszeichnet: die Überzeugung, dass Geschichten Menschen verbinden können.
Mit 80 hat der Wahl-Pfälzer nichts von seiner erzählerischen Kraft verloren. Sein neuer Roman ist ein bewegendes Buch, das zeigt, wie lebendig Literatur sein kann, wenn sie aus Erfahrung, Fantasie und Menschlichkeit entsteht.
«Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält», zitiert Schami den Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Ein Satz, der als Schlüssel für das Buch dienen könnte.
dpa
Bild: Rafik Schami erhielt 2022 die Carl-Zuckmayer-Medaille für seine Verdienste um die deutsche Sprache. (Archivbild) | Uwe Anspach/dpa
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