
Halstuch und Gemeinschaft: Warum Kids Pfadfinder werden
Lagerfeuer statt Handy, Gitarre statt MP3-Player: Vielfalt, Abenteuer und Zusammensein für Wölflinge, Pfadfinder und Ranger.
Mainz (dpa/lrs) -
Lagerfeuer, singen zu Gitarrenmusik, auf dem Weg durch den Wald mit Rucksack und Kompass: Gemeinschaft und Tradition werden bei den Pfadfindern großgeschrieben und gelebt. Ist das in Zeiten von Social Media und digitaler Reizüberflutung bei Kindern und Jugendlichen noch angesagt? «Ja klar», sagt Philipp Winicker. Traditionen seien wichtig, aber auch stetig im Wandel. Die Zahlen geben dem Vize-Landeschef des Bundes der Pfadfinder*innen in Rheinland-Pfalz/Saar recht.
Rund 1.700 Mitglieder kommen regelmäßig zu den Treffen in den unterschiedlichen Gruppen im ganzen Land - 400 mehr als noch um Jahr 2014. Stämme nennen sich die Ortsgruppen. Insgesamt 23 gibt es davon im gesamten Landesverband.
Wölflinge, Pfadfinder, Ranger und Rover
Die Kinder und Jugendlichen werden in drei Altersstufen eingeteilt: Bei den Wölflingen sind die Sieben- bis Elfjährigen. Da geht es vor allem um Spielen, Basteln und kurze Zeltlager in der Natur.
Pfadfinderinnen und Pfadfinder nennen sich die 11- bis 15-Jährigen, die unter anderem zusammen Zelte aufbauen, Knoten binden und am Wochenende oder in den Ferien zu Fuß, mit Rad, Floß und Boot unterwegs sind. Bei Wanderungen gilt das Motto: Alles, was wir brauchen, passt in die Rücksäcke, die wir auf dem Rücken tragen.
Das Halstuch gehört einfach dazu
Die Ranger und Rover sind die Jugendlichen ab 16 Jahren. Diese Mädchen und Jungen engagieren sich dann zunehmend bereits in der Gruppenleitung, bei der Organisation von Fahrten und Gruppen. Allen gemein ist die Kluft: einfarbiges Hemd und vor allem das Halstuch.
«Das Halstuch gehört einfach dazu, sonst fühle ich mich nicht wohl», erzählt Winicker, der bereits viele Gruppen geleitet hat und mit seinen 30 Jahren bald Jüngeren im Vorstands Platz machen will. Die Kluft sei vergleichbar mit einem Trikot im Sportverein, ergänzt Betreuer Ko von der Stammesführung in Mainz.
Lagerfeuer und Gitarre
Beim Stamm Tilia Mainz ist Tradition zwar ein wichtiger Wert und zumindest das Tragen des Halstuchs erwünscht, bei den Kindern in der Gruppe von Thore und Timon aber auch nicht Pflicht. Linsen und Nudeln kochen, Lagerfeuer machen und Holzhacken stehen beim Treffen der zehn- bis zwölfjährigen Kinder im Kleingartenverein in der Nähe des Mainzer Stadtparks auf dem Programm.
Die Mutter von Oskar war bereits Pfadfinderin, deshalb ist er dabei und hat seinen Freund Elias gleich mitgebracht. Was macht Spaß bei der Gruppe? Zelte aufbauen und Lagerfeuer selbst machen finden sie cool. Beim gemeinsamen Singen, wenn Betreuer Ko auf der Gitarre spielt, ist kein Kind scheu oder still. Das Handy bleibt während der Treffen aus.
Tilia - die Linde
Dunkelblau ist die Farbe der Kluft, das Halstuch blau-gelb. Der Gruppenname Tilia steht für den lateinischen Namen der Linde - in Anlehnung an die Dorflinde, die in kleinen Orten und Städten als Symbol für den Treffpunkt des Gemeindelebens stand. «An der Dorflinde kamen die Menschen zusammen, haben geredet und getanzt.» So sehen auch die Mainzer Pfadfinder ihren Treffpunkt, erzählt Betreuer Ko.

Bei den Pfadfinderinnen und Pfadfindern vom Stamm Tilia in Mainz ist Tradition wichtig. | Andreas Arnold/dpa
Der Bund der Pfadfinder*innen (BdP) gehört keiner Konfession an. Vor wenigen Jahren entschied sich der bundesweit agierende Verein bewusst für die Gender-Schreibweise im Namen. Er wurde 1976 gegründet, derzeit engagieren sich in den unterschiedlichen Gruppen rund 30.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit ihren Familien. Zum Bund gehören 12 Landesverbände, in denen insgesamt rund 250 Stämme aktiv sind.
Gegen Rassismus
In der Satzung ist ausdrücklich verankert, dass auch junge Menschen mit Migrationshintergrund sowie Kinder und Jugendliche willkommen sind, die sich auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, Unterdrückung, Naturkatastrophen oder wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit befinden. Alle rassistischen und nationalistischen Parolen und Handlungen werden scharf verurteilt.
Vielfältige und bunte Szene
Pfadfinder ist kein geschützter Begriff. Deshalb ist die Szene sehr vielfältig und bunt, die inhaltlichen Schwerpunkte differieren teils deutlich. Neben dem BdP gibt es in Deutschland zum Beispiel auch den Verband Christlicher Pfadfinder*innen (VCP), die Deutsche Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG) sowie den Bund Deutscher Pfadfinder*innen (BDP).
Der BDP verzichtet etwa auf eine klassische Kluft mit Halstuch und Abzeichen. Auch eine Einteilung der Gruppen in Stämme gebe es nicht, berichtet Bildungsreferent Roland Grammes. Der rheinland-pfälzische Kinder- und Jugendverband setzt sich für die ökologische und politische Bildung ein. Auf Rituale werde bewusst verzichtet.
Finanzielle Unterstützung vom Land
In Rheinland-Pfalz werden die Pfadfinderinnen- und Pfadfinderverbände als Jugendverbände vom Land finanziell unterstützt. Das läuft über die Jugendverbandsarbeit und betrifft nach Angaben des Familienministeriums die soziale und politische Bildung sowie die Schulung Ehrenamtlicher und den Einsatz pädagogischer Hilfskräfte.
Pfadfinderinnen- und Pfadfindergruppen können Anträge für die Förderung von Beteiligungsprojekten mit Kindern und Jugendlichen stellen, die vom Jugendministerium mit bis zu 5.000 Euro unterstützt werden. Auf eine Höhe von fast 550.000 Euro belief sich die Summe der Fördermittel im Jahr 2024. Aktuellere Zahlen liegen dem Ministerium derzeit nicht vor.
dpa
Bild: Mitmachen bei den Pfadfindern ist bei vielen Kindern und Jugendlichen angesagt. | Andreas Arnold/dpa
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