Als der 11. September Rheinland-Pfalz erreichte

 

Als der 11. September Rheinland-Pfalz erreichte

Der damalige Ministerpräsident Kurt Beck erlebt die verheerenden Anschläge im Landtag. 25 Jahre später sieht er die Folgen noch immer – und sorgt sich um das Verhältnis zwischen Europa und den USA.

Mainz (dpa/lrs) -

Ein Mitarbeiter der Staatskanzlei kommt auf ihn zu. Gerade hat Kurt Beck seine Rede beendet und ist an seinen Platz zurückgekehrt. Für den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten deutet alles auf einen normalen Tag im Landtag. «Ich soll mal ins Büro kommen», schildert Beck heute die Situation am 11. September 2001. Der SPD-Politiker folgt dem Mann. Minuten später blickt er auf schier unglaubliche TV-Bilder, die sich in sein Gedächtnis brennen.

«In dem Moment sind die Flugzeuge in die Twin Towers geflogen», erinnert sich Beck 25 Jahre später. Für einen Augenblick ist das Unfassbare noch Fiktion. Ein Film. «Man hat gebraucht, um zu begreifen, dass das Realität ist», sagt Beck.

Der Moment des Begreifens

Der damalige Ministerpräsident kehrt in den Plenarsaal zurück. «Dann habe ich die Kolleginnen und Kollegen informiert über das, was ich...ja, als schrecklich wahrgenommen hatte.» Aus dem Entsetzen muss aber schnell Handeln werden.

Rheinland-Pfalz ist in einer besonderen Lage. Tausende US-Amerikaner leben im Bundesland, amerikanische Militärstandorte prägen ganze Regionen. Allen voran Ramstein. Beck lässt über US-Verbindungsoffiziere Kontakt aufnehmen. Es geht jetzt um Schutz. Um Kasernen. Um Wohngebiete. Um Präsenz.

«Wir haben besprochen, dass die Bundeswehr anbietet, innerhalb der Kasernen in Rheinland-Pfalz, insbesondere Ramstein, und wir über die Polizei im Außenbereich und in den Housings der Amerikaner die Präsenz zu erhöhen.»

Ein Land sucht Halt

Dann kommt ein fast surrealer Kontrast zu den schlimmen Bildern aus Amerika: Für den Abend hat Beck zum Sommerfest eingeladen. Zahlreiche Gäste werden erwartet. Schnell ist klar: Das kann so nicht stattfinden. «Wir haben das Fest abgesagt, aber viele waren schon unterwegs, die von weiter her kamen.» Also wird aus dem Fest etwas anderes. «Wir haben uns eher zu einer Betroffenheitsveranstaltung versammelt.»

Fast 3.000 Menschen kamen ums Leben, als Terroristen des islamistischen Netzwerks Al-Kaida vier Passagierflugzeuge entführten und zwei davon in die Türme des World Trade Centers in New York steuerten. (Archivbild)

Fast 3.000 Menschen kamen ums Leben, als Terroristen des islamistischen Netzwerks Al-Kaida vier Passagierflugzeuge entführten und zwei davon in die Türme des World Trade Centers in New York steuerten. (Archivbild) | Beth A. Keiser/AP/dpa

Am nächsten Tag folgt ein weiteres Zeichen. Mit den beiden Kirchen wird in Mainz vor dem Dom ein Gedenken organisiert. Es geht um Trauer. Um Anteilnahme. Aber auch um die Frage, wohin mit einer Erschütterung, die alle erreicht. «Dieses Bedürfnis der Menschen, das spürbar war, Anteilnahme auszudrücken, aber auch zu kanalisieren.» Auch Beck kann nach einem solchen Ereignis nicht einfach funktionieren. «Da braucht man ein paar Momente für sich selbst, um zu begreifen, was da geschehen ist.»

Was können wir tun?

Bundespräsident Johannes Rau habe die Dimension des Tages auf den Punkt gebracht: «Dieser Tag hat die Welt verändert.» 25 Jahre später klingt der Satz für Beck keineswegs überholt. Im Gegenteil. «Das zeigt sich bis heute, wenn man die innere Situation der USA ansieht und die Entwicklung.» Die Folgen des 11. September 2001 reichen für ihn weit über den Anschlag hinaus.

Beck will jedoch nicht beim Schock stehen bleiben. Gerade in einer Krise müsse Politik den Blick nach vorn richten. «In dem Moment, glaube ich, darf man dann auch nicht verharren in nur den Betrachtungen und Befürchtungen.» Die entscheidende Frage lautet: «Was ist jetzt meine Verantwortung? Was können wir tun?» Für Rheinland-Pfalz bedeutet das vor allem: die amerikanischen Nachbarn schützen. Daneben steht die allgemeine Sicherheitslage.

Besonders wichtig werden für Beck die Absprachen mit den US-Verantwortlichen. Nicht nur organisatorisch. Auch menschlich. «Ich glaube, dass dieser unmittelbare Kontakt das Wichtigste war.» Denn die Anschläge treffen auch Familien in Rheinland-Pfalz. Viele Amerikaner haben Angehörige in New York. «Sie haben gespürt, wir sind in dieser Situation nicht allein.»

Der Lackmustest der Nato

Für Beck zeigt sich in diesen Tagen auch, was transatlantische Gemeinschaft bedeutet. «Was häufig gesagt wird, was man momentan auch wieder nur schwer nachvollziehen kann, nämlich, dass dieses Miteinander in der Nato auch eine Wertegemeinschaft ist, hat in einem solchen Moment seinen Lackmustest erlebt.» Heute blickt Beck mit Sorge auf die Risse im transatlantischen Verhältnis. «Ich bedauere das außerordentlich.» Es gehe um mehr als militärische Bündnisse oder wirtschaftliche Interessen.

Am 11. September 2001 rückte auch der US-Stützpunkt Ramstein in der Pfalz in den Blickpunkt. (Archivbild)

Am 11. September 2001 rückte auch der US-Stützpunkt Ramstein in der Pfalz in den Blickpunkt. (Archivbild) | Evelyn Denich/dpa

Beck verweist auf die Jahre vor und nach dem 11. September 2001. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden US-Truppen in Deutschland reduziert. Doch Rheinland-Pfalz habe versucht, die Nähe zu Amerika zu bewahren. So wurde etwa die Atlantische Akademie gegründet, die Begegnung ermöglicht.

Eine Lehre für die Gegenwart

Was bleibt nach 25 Jahren? Für Beck eine Warnung vor der Illusion, dass Entfernung automatisch Sicherheit bedeutet. «Ich glaube, dass wir lernen müssen, dass selbst ein Atlantik nicht schützt.»

Sicherheit allein könne aber nicht die Antwort sein. «Bei allen Notwendigkeiten, militärisch gerüstet zu sein, kommt es darauf an, dass wir weltweit zu einer Kultur des Miteinanders zurückkehren.» Das bedeute Zusammenarbeit statt Abschottung und Verständigung statt Gewalt. Wer allerdings Terror und Krieg propagiere, müsse isoliert werden.

Dann wird Beck nachdenklich. Sein Blick geht von 2001 in die Gegenwart. «Im Moment sind wir, fürchte ich, auf keinem guten Weg.» Und wieder steht der eine Satz im Raum, der für Beck die Dimension dieses Tages vor 25 Jahren beschreibt: «Dieser Tag hat die Welt verändert.»

dpa

Bild: Kurt Beck war von 1994 bis 2013 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. (Archivbild) | Uwe Anspach/dpa

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Datum: 06.09.2026
Rubrik: Lokales
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