Schule ist nicht gleich Schule

 

Schule ist nicht gleich Schule

Erst Pisa, dann Bildungsmonitor - schwache Ergebnisse bei Bildungsstudien heizen Debatten darüber an, wie Schule sein sollte. Dass sie längst vielfältig ist, zeigt ein Blick hinter die Kulissen.

Mainz (dpa/lrs) -

Die öffentliche Diskussion ist das eine, der Schulalltag das andere: Nach der jüngsten Pisa-Studie und dem neuen Bildungsmonitor des Instituts der deutschen Wirtschaft diskutiert einmal mehr gefühlt ganz Deutschland darüber, wie heutzutage unterrichtet werden sollte und wie Schülerinnen und Schüler am besten gefördert werden können. In Rheinland-Pfalz variiert das schon recht stark. Beziehungsarbeit und Eigenverantwortung sind Schlagwörter, die immer wieder zu hören sind. 

Am Gymnasium Mainz-Mombach gibt es für Leiter Ulf Neumann-Welkenbach nicht die eine Lösung. Definitiv müsse sich an den jahrzehntealten Rahmenbedingen etwas ändern. Die Gesellschaft sei heutzutage bunter, die Schülerschaft heterogener, psychische Besonderheiten nähmen zu.

Es kommt auch auf die Ausbildung der Lehrkräfte an

Angesichts dessen brauche es mehr Beziehungsarbeit. Die Schulstrukturen sollten so verändert werden, dass Potenziale einzelner Schülerinnen und Schüler stärker entdeckt würden. «Pisa meldet zurück, dass das nicht gut passiert.» Auch bei der Ausbildung von Lehrkräften sieht er Änderungsbedarf. «Die Lehrkräfte, die zu uns kommen, können nicht das, was sie hier können müssen.» Sie seien schlicht noch für das klassische Schulsystem ausgebildet.

Im neuen internationalen Pisa-Vergleich hatten Schülerinnen und Schüler in Deutschland so schlecht abgeschnitten wie nie zuvor. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Ute Eiling-Hütig (CDU) hatte von einem «klaren Weckruf» gesprochen. In dieser Woche folgten die Ergebnisse des Bildungsmonitors des Instituts der deutschen Wirtschaft. Rheinland-Pfalz belegt hier unverändert Platz zwölf und liegt damit im unteren Mittelfeld des Länderrankings.

Beziehungsarbeit und Partizipation 

Die Bedeutung von Beziehungsarbeit in der Schule betont auch Frank Fritzinger, der das Otto-Schott-Gymnasium in Mainz-Gonsenheim leitet. Strukturelle Maßnahmen und Geld seien das eine, entscheidender sei jedoch, was in der «Tiefenstruktur des Unterrichts» passiere. Schülerinnen und Schüler müssten Selbstverantwortung lernen, Partizipation sei wichtig. Schüler müssten das Gefühl haben, dass die Lehrkräfte für sie da seien. Es müsse die Angst vor Fehlern oder bestimmten Fächern genommen werden. 

Am Otto-Schott-Gymnasium kam aus der Schülerschaft heraus der Wunsch, die Handynutzung weitgehend zu verbieten. (Symbolbild)

Am Otto-Schott-Gymnasium kam aus der Schülerschaft heraus der Wunsch, die Handynutzung weitgehend zu verbieten. (Symbolbild) | Marcus Brandt/dpa

Mit üblichen Prüfungsarten werde manches Potenzial nicht entdeckt, sagt Fritzinger. Am Otto-Schott-Gymnasium wird deswegen mehr auf mündliche Prüfungen, Präsentationen oder Portfolio-Arbeiten gesetzt. Außerdem wurden an der Schule regelmäßige Lernentwicklungsgespräche etabliert, ein gehöriger Aufwand bei rund 1.200 Schülern. 

Dabei werde gemeinsam besprochen, was gut und was vielleicht weniger gut laufe, sagt der Schulleiter. Letztlich solle das Schülerinnen und Schülern helfen, herauszufinden, was für sie der beste Weg sei. Außerdem kann die Schülerschaft an Zukunftstagen formulieren, wie sie sich eine Schule der Zukunft wünscht. Es werde versucht, alle mitzunehmen, sagt Fritzinger. 

Buffet statt «Zwangsernährung»

Das Otto-Schott-Gymnasium ist eine von 150 «Schulen der Zukunft» in Rheinland-Pfalz. Sie haben mehr Freiheiten beim Ausprobieren gewisser Ideen und Konzepte. Unterstützt werden sie vom Bildungsministerium, der Schulaufsicht ADD sowie dem Pädagogischen Landesinstitut. Bei aller Betonung des Individuellen müsse auch darauf geachtet werden, dass Schule nicht zum «bloßen Experimentierfeld» werde, sagt Fritzinger. 

Eine solche «Schule der Zukunft» ist auch das Gymnasium in Mainz-Mombach. Während am Otto-Schott-Gymnasium an der Klassen- und Stundenplanstruktur grundsätzlich festgehalten wird, wird am Gymnasium Mainz-Mombach, einer Ganztagsschule, eher von Lernräumen gesprochen - ein Stück weit weg vom Lernen im Gleichschritt, wie Leiter Neumann-Welkenbach sagt. Es müsse ein Schulbuffet angerichtet werden, es dürfe keine «Zwangsernährung» sein.

Prinzipiell sei wichtig, Kindern nicht die Verantwortung für ihr Lernen zu nehmen, sagt er. An seinem Gymnasium wird weniger in engen Fächergrenzen gelehrt, sondern an Themen entlang. Es brauche eine Lernumgebung, die junge Menschen abhole, sie dazu bringe, von sich aus ein paar Meter mehr zu gehen. «Es braucht einen Lebenswelt-Bezug», betont er. Das bereite besser auf ein Berufsleben vor, in dem häufiger als früher der Job gewechselt werde. 

Gelingensnachweis statt Klassenarbeit

Statt Klassenarbeiten wird auf Gelingensnachweise gesetzt. Bei denen müssen Lernende, wie Neumann-Welkenbach sagt, einen Mindeststandard erreichen. Sollten sie das geschafft haben, könnten sie entscheiden, ob sie mehr und den Nachweis noch einmal machen wollten. Möglich ist auch, mehr Zeit in Projekten zu verbringen, sei es als Mitglied in der Lernendenvertretung, als Aufsicht im Lesezimmer oder als Ansprechpartner für technische Geräte. 

Vielerorts gehen die Konzepte weg von klassischen Klassenarbeiten und hin zu neuen Prüfungsformaten. (Symbolbild)

Vielerorts gehen die Konzepte weg von klassischen Klassenarbeiten und hin zu neuen Prüfungsformaten. (Symbolbild) | Armin Weigel/dpa

Es gehe darum, Zukunftskompetenzen aufzubauen, sagt der Schulleiter - gerade in einer Zeit großer Ungewissheit, in der sich vieles schnell ändere. Junge Menschen müssten zu stabilen Persönlichkeiten werden, die einen Schritt wagten und auch Wechsel in andere Richtungen nicht scheuten.

Leiter an der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Nieder-Olm, ebenfalls eine «Schule der Zukunft», ist Jürgen Winzer. Hier werden in der fünften und sechsten Klasse die Hauptfächer und das Fach Naturwissenschaften übergreifend unterrichtet. Fast die Hälfte der wöchentlichen Unterrichtszeit säßen die Kinder hier in «Lernwelten» zusammen, sagt Winzer. Ziel sei, mehr Ruhe und Zeit für ein Thema zu haben. Ein Mentor, also eine Lehrkraft, betreut 14 Kinder, einmal pro Woche steht mit jedem ein Gespräch an.

Plädoyer für Vorurteilsfreiheit 

Gesetzt wird an der IGS auch auf kompetenzorientierte Tests. Die Schüler können innerhalb eines gewissen Rahmens bestimmen, wann sie diese absolvieren, zwei Wiederholungen sind möglich. Dahinter steht der Gedanke, Kindern Lernverantwortung zu geben. Oft gäben sie diese unbewusst an die Lehrer ab, sagt Winzer. «Wir wollen das umdrehen.» 

Schulleiter Neumann-Welkenbach vom Gymnasium Mainz-Mombach sagt: «Mir fehlt das Eingeständnis, dass das System Schule nicht perfekt ist.» Es müsse vorurteilsfrei über Veränderungen nachgedacht werden. Stattdessen seien Debatten über Bildung oft politisch aufgeladen, würden ideologisch geführt.

dpa

Bild: Neue Prüfungsformate, neue Lernformate - es wird vielen an rheinland-pfälzischen Schulen ausprobiert. (Symbolbild) | Arne Dedert/dpa

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Datum: 16.09.2026
Rubrik: Lokales
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