Warum Erfolgsautor Christian Baron Berlin den Rücken kehrt

 

Warum Erfolgsautor Christian Baron Berlin den Rücken kehrt

Zurück dahin, wo alles wehgetan hat: nach Rheinland-Pfalz. Der Schriftsteller blickt heute anders auf den Ort seiner Kindheit. Vergessen ist aber nichts.

Kaiserslautern (dpa/lrs) -

Schonungslos auch gegenüber sich selbst berichtet Autor Christian Baron in seinem erfolgreichen Sozialroman «Ein Mann seiner Klasse» über eine schwere Kindheit in Rheinland-Pfalz. Als die Familie aus Stolz jede Lebensmittel-Spende ablehnt, isst Hauptfigur Baron den Schimmel von der Wand. Am Staatstheater Mainz feiert der bittere Bestseller von 2020 nun im Oktober seine mit Spannung erwartete Premiere. Der SWR verfilmte das Buch 2024 mit Schauspieler André Eisermann («Schlafes Bruder»). 

An diesem Spätsommertag sitzt Baron in einem Café in Kaiserslautern. Einst war Rheinland-Pfalz der Ort, den er auf seiner Suche nach dem Glück verlassen musste. Heute ist es der Platz, an dem er bleiben will. Überraschend ist der 41-Jährige nach vielen Jahren in Berlin mit seiner Familie zurück in seine Heimatstadt gezogen. Nicht aus Not, sondern aus einer Position, die er sich erarbeiten musste. Zwei Jahrzehnte liegen zwischen diesen Entscheidungen - ein Leben, das ihn nach Trier, Berlin und auf Bestsellerlisten geführt hat. 

Der Junge von damals ist wieder da

«Der Umzug fühlte sich vom ersten Tag richtig an», sagt Baron im Gespräch der Deutschen Presse-Agentur. Die pfälzische Sprache, der Wald, der Betzenberg - Dinge, die in Berlin weit weg waren, rücken wieder ganz nah. «Der Dialekt zum Beispiel ist für mich mehr als ein Klang. Das ist meine Heimat, das ist meine Muttersprache.» Zum Bleiben gehört für ihn die Freiheit, wieder gehen zu können. Das verändert den Blick auf denselben Ort radikal.

Einst war Rheinland-Pfalz für Baron der Ort, den er auf seiner Suche nach dem Glück verlassen musste.

Einst war Rheinland-Pfalz für Baron der Ort, den er auf seiner Suche nach dem Glück verlassen musste. | Uwe Anspach/dpa

Von Berlin zurück in die Pfalz: Diesen nicht selbstverständlichen Weg hatte vor kurzem auch Modeschöpfer Harald Glööckler gewählt. In der Hauptstadt sei es ihm «schlicht zu viel» geworden, sagt der 61-Jährige. Berlin habe sich zum Schlechteren verändert: lauter, hektischer und leider dreckiger.

Für Baron kam der entscheidende Punkt, als er Vater wurde. Plötzlich sah er Berlin mit anderen Augen. Was früher zum rauen Charme gehörte, wurde zur Zumutung. Mietsteigerungen, Kulturkürzungen, kaputte Infrastruktur. Besonders störte ihn eine wachsende Gleichgültigkeit im Alltag. Seine Frau Britta brachte es auf den Punkt: Was sie an der Pfalz möge, sei, «dass den Leuten nicht alles egal» sei. Weniger als ein Jahr später war der Umzug geschafft. 

Er hat es geschafft. Jetzt kommt er zurück

«Die Familie hat alles mitgenommen, sogar die Katzen», sagt Baron und schmunzelt. Kaiserslautern sei für ihn nicht Vergangenheit. Die Stadt ernähre ihn, wie er sagt, «seelisch». Zugleich will er sie nicht verklären. «Ich sehe durchaus soziale Spannungen und die Gefahr eines weiteren Erstarkens der AfD.» Bei der Landtagswahl im März schnitt die Partei im Wahlkreis Kaiserslautern I bei den Zweitstimmen mit 26,1 Prozent am besten ab. 

Aber Baron sieht auch neue Kulturorte und Menschen wie ihn, die zurückkehren und die 100.000-Einwohner-Stadt prägen können. Vielleicht ist das der eigentliche Grund seiner Rückkehr: Nicht noch einmal dort anzukommen, wo er einst herkam - sondern dabei zu helfen, dass dieser Ort eine Zukunft erhält.

Heimat ist für Baron eine Erinnerung daran, wo er hingehört.

Heimat ist für Baron eine Erinnerung daran, wo er hingehört. | Uwe Anspach/dpa

Er möchte sich einmischen. «Alles, was ich politisch sage und denke, ist von meiner sozialen Herkunft geprägt», sagt Baron. Er wolle Menschen eine Stimme geben, die sonst oft überhört würden. 

2014 war er nach Berlin gezogen. Er hatte studiert, kaum Geld und einen Traum: Journalist werden. «Ich habe gewusst, dass ich nur da den Einstieg schaffen werde.» Nach einigen Monaten bekam er einen Volontariatsplatz. 1.300 Euro brutto im ersten Jahr - in Berlin musste jeder Euro sitzen.

Sympathie für rote Teufel

Existenznöte gehörten dazu. Aber Baron sah etwas, das ihm in der Kindheit gefehlt hatte: eine Perspektive. Die Ferne war damals kein Abenteuer, sondern eine Möglichkeit, überhaupt irgendwo anzukommen. 

Vier Jahre später hatte Baron beim «Freitag» eine Festanstellung. Berlin wurde sein Leben. Zugleich wurde die Stadt zur Schule: Baron traf Politiker, Künstler und weitere Menschen, die ihm Horizonte eröffneten. «Diese Zeit war für mich die wichtigste meines bisherigen Lebens.» 

Baron hat erstmals eine FCK-Dauerkarte – «die ich nicht mehr abgeben werde».

Baron hat erstmals eine FCK-Dauerkarte – «die ich nicht mehr abgeben werde». | Uwe Anspach/dpa

Zum neuen alten Leben gehört der 1. FC Kaiserslautern. Baron hat erstmals eine Dauerkarte - «die ich nicht mehr abgeben werde». Auch literarisch ist es Teil seiner Geschichte. Sein Buch «1. FC Kaiserslautern. Eine Liebeserklärung» schaffte es jüngst auf Platz 15 der Bestsellerliste. Doch es war «Ein Mann seiner Klasse», das ihm Türen öffnete, die sonst verschlossen geblieben wären.

Was ist Heimat?

Literarisch hält Baron derzeit bewusst Abstand. Er schreibt an einem Roman über Menschen, die in der unmittelbaren Gegenwart mit Finanzproblemen kämpfen. «Ein Echtzeitroman», sagt er. In der Pfalz wird er aber nicht spielen. «Ich brauche Distanz.» Seine Themen bleiben dieselben: soziale Ungleichheit, Herkunft, die Frage, wie Menschen mit ihrem Leben zurechtkommen.

Allerdings hat sich der Blickwinkel geändert. Heimat ist für Baron nicht mehr ein Ort der Vergangenheit. Sondern eher eine Erinnerung daran, wo er hingehört.

dpa

Bild: Wegen ungezählter Behördengänge wurde das Rathaus von Kaiserslautern für den jungen Christian Baron ein "Ort des Schmerzes". | Uwe Anspach/dpa

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Datum: 29.09.2026
Rubrik: Lokales
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