
Wenn das Flutlicht erlischt
Die Fußball-WM im Sommer wird weltweit erneut Karriereträume wecken. Benny Auer hat diesen Traum gelebt. Dies ist die Geschichte eines Profis, der früh verstand, dass Talent allein nicht schützt.
Landau (dpa/lrs) -
Fußball weckt Träume. Auf Bolzplätzen, in Jugendzimmern, auf Tribünen. Benny Auer kennt diesen Traum, er hat ihn gelebt. Und er kennt seinen Preis. An einem grauen Januartag sitzt der 45-Jährige in einem Gebäude, das es vielleicht ohne eine Knieverletzung nicht gegeben hätte. Das Fitnessstudio in Landau ist an diesem Vormittag gut gefüllt, es riecht etwas nach Gummi und Eisen, es sind Gespräche und vereinzelt ein Keuchen zu hören.
Über einem Sofa zeugen eingerahmte Trikots von Auers Karriere als Profi: Bochum, Mönchengladbach, Kaiserslautern, Mainz, Karlsruhe, Aachen. Von 1999 bis 2012 absolvierte er 87 Erst- und 219 Zweitligaspiele und erzielte knapp 100 Treffer. Für das U21-Nationalteam machte er 23 Spiele und 15 Tore.
Der Moment, der alles veränderte
Der Ursprung dieser Geschichte liegt weit entfernt von Rheinland-Pfalz. 2001, U20-Weltmeisterschaft in Argentinien. Kreuzbandriss. «Da lernst du schnell, wie zerbrechlich alles ist», sagt Auer. Er ist gerade einmal 20. Die Reha führt ihn in die Pfalz, in die Heimat. Weg vom Lärm, weg vom Tempo. «Verletzungen sind die ehrlichsten Lehrer im Fußball», sagt er. «Sie bewahren dich vor Illusionen.»

Im Oktober 2026 feiert Auers Fitnessstudio in Landau 20-jähriges Bestehen. | Uwe Anspach/dpa
Nach seiner Genesung hört Auer älteren Mitspielern genau zu. In Kabinen, auf Trainingsplätzen. «Sie haben darüber gesprochen, was passiert, wenn der Vertrag ausläuft.» Für viele war das ein Tabu. Für Auer wurde es zum Frühwarnsystem. Was kommt, wenn das Flutlicht erlischt?
«Ich wollte nie in die Lage geraten, dass andere über mein Ende entscheiden», sagt er. Also beginnt er, parallel zum Fußball etwas aufzubauen. Fernstudium, Fitnessökonomie. «Das war keine Flucht», sagt er. «Das war Absicherung.» 2006, fünf Jahre nach dem Kreuzbandriss, der Start des Studios in Landau.
Der stille Fleiß hinter den Toren
Der Fußball selbst verliert für Auer früh seine Unschuld. Interviews, in denen man überlegen muss, «was darf ich sagen, wen treffe ich damit». In Mönchengladbach wird das für Benny - eigentlich: Benjamin - Auer prägend. Er kommt aus der Jugend-Nationalmannschaft, selbstbewusst, erfolgreich. Wohl zu selbstbewusst für manche. Man müsse Auer zu Demut erziehen, habe sein damaliger Trainer Hans Meyer gesagt - Auer empfindet das als Herabsetzung. «Ich war bereits gut erzogen», sagt er heute.
Später, in Mainz, kommt das Gegenbild. Trainer Jürgen Klopp. Der stellt ihn auf, zählt auf ihn. «Als Stürmer brauchst du das Gefühl, dass du auch mal 80 Minuten schlecht spielen darfst.» Mainz steigt auf, die Stadt vibriert. «Das war die schönste Zeit meiner Karriere.» Fußball habe sich ganz leicht angefühlt.
«Nie war Auer so wertvoll wie heute», titelt auch das Fachblatt «Kicker» seinerzeit und zitiert Klopp: «Er ist Anspielstation und Ballverteiler in vorderster Front.» Auer könne geschickt den Ball halten und die Mitspieler in Szene setzen.
Dass der Pfälzer es so weit schafft, liegt an etwas, das wenig Glanz besitzt: Training. Er trainiert mehr als andere, länger als andere. Nach dem Mannschaftstraining bleibt er auf dem Platz, lässt sich Flanken schlagen, feilt an seiner Schusstechnik. «Ich wollte immer mehr», sagt der frühere Mittelstürmer.

Auer wollte über den Zeitpunkt seines Karriereendes selbst entscheiden. | Uwe Anspach/dpa
Dennoch: kein A-Länderspiel, kein großer Titel – da ist ein leiser Schmerz. Aber es gibt Zahlen, die bleiben. Torschützenkönig der zweiten Liga bei Aachen. Und auch in den Spielen für Auswahlmannschaften des DFB vom U16-Team bis zum Team 2006 erzielt er zahlreiche Tore. «Das nimmt dir keiner.»
Der Preis war hoch. Kreuzband, Achillessehne, Bandscheiben, Patellasehne. «An Verletzungen habe ich alles mitgenommen», sagt Auer. Schmerzmittel gehören dazu. «Du weißt: Wenn du nicht spielst, spielt ein anderer.» Heute trainiert er dreimal die Woche an seinen Geräten. Nicht für Tore, sondern für Beweglichkeit. «Spätfolgen managt man besser, wenn man vorbereitet ist.»
Die Frage nach dem Danach
Auch das Geld kam früh. Der erste Profivertrag in Karlsruhe, mehr als die Eltern zusammen verdienten. Orientierung gab es keine. «Ich konnte meine Eltern nicht fragen, was man mit Geld macht. Die waren solche Summen nicht gewohnt.» Heute gibt Auer seine Erfahrungen weiter. In seinen Studios, an junge Menschen, an Auszubildende. Und an seine drei Söhne.
Im Sommer, wenn die Fußball-WM läuft und weltweit neue Sehnsüchte geboren werden, wird Auer vielleicht in seiner Geburtsstadt Landau stehen. In seinem großen, hellen Studio, das aus einem Traum gewachsen ist – und aus der Erkenntnis, dass man besser rechtzeitig anfängt, sein Leben selbst zu bauen. Benny Auer hat seinen Traum gelebt. Und gelernt, was er wert ist.
dpa
Bild: Karriere an der Wand: Trikots sind im Büro von Auer stille Zeugen seiner Laufbahn. | Uwe Anspach/dpa
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