
Nachtfahrt mit Rekord: Verstappen in der «Grünen Hölle»
Erstmals wagt sich Max Verstappen an den 24-Stunden-Klassiker auf dem Nürburgring. Die Organisatoren rechnen mit einem Fan-Ansturm. Was den Formel-1-Star an der gefährlichen Nordschleife reizt.
Nürburg (dpa) -
Max Verstappen fährt schon wieder fremd. Eine Woche vor dem nächsten Formel-1-Rennen in Kanada erfüllt sich der viermalige Weltmeister einen Herzenswunsch mit dem Start beim 24-Stunden-Klassiker auf dem Nürburgring. Nach Tausenden Runden im Simulator auf der Nordschleife und einigen turbulenten Vorbereitungsrennen sieht sich auch der Niederländer selbst gleich bei seiner Premiere als Mitfavorit. «Erfolg bedeutet zu gewinnen, deshalb sind wir hier», sagte Verstappen.
Nicht etwa wie in der Formel 1 in einem Red-Bull-Auto oder in einem Boliden von Technikpartner Ford, sondern in einem Mercedes-AMG-Sportwagen startet der Superstar ins Langstrecken-Abenteuer. Seine Zusage für den großen Auftritt in der Eifel elektrisiert die Motorsport-Fans. Der ADAC als Veranstalter rechnet trotz mäßiger Wetteraussichten mit einem Rekord von mehr als 300.000 Zuschauern. Die meisten Eintrittskarten sind längst vergriffen.

Die Veranstalter erwarten einen Besucherrekord beim 24-Stunden-Rennen. (Archivbild) | Thomas Frey/dpa
Verstappen wird sich die Einsatzstunden im Auto seines Privatteams mit dem Österreicher Lucas Auer, dem Spanier Daniel Juncadella und Jules Gounon aus Andorra teilen. Vor allem auf die Fahrzeit in der Nacht von Samstag (Start: 15.00 Uhr/Nitro) auf Sonntag fiebert der 28-Jährige hin. «Dann ist man völlig auf sich allein gestellt und pusht in der Dunkelheit. Normalerweise ist das Auto in der Nacht auch am schnellsten, darauf freue ich mich sehr», sagte Verstappen.
«Grüne Hölle» für die Formel 1 zu gefährlich
Seit Jahren schon fasziniert ihn wie so viele Rennfahrer der Mythos Nordschleife. «Es ist eine dieser Strecken, die einfach jeder fahren will. Egal, ob du Rennfahrer bist oder nicht – es ist immer cool, das zu machen, weil sie so einzigartig ist», sagte jüngst Formel-1-Weltmeister Lando Norris, nachdem er selbst seine ersten Runden auf dem legendären Asphaltband gedreht hatte.
Für die Formel 1 gilt die Nordschleife als zu riskant, seitdem Niki Lauda dort 1976 einen schrecklichen Feuer-Unfall gerade so überlebte. Auch Verstappen durfte sich nicht so einfach in einen Sportwagen setzen und an Rennen auf dem alten Nürburgring teilnehmen. Erst nach einigen Runden mit einem Fahrlehrer, dem Erwerb der nötigen Lizenzen und einigen kürzeren Rennen kann er nun auch die 24-Stunden-Herausforderung angehen.
Sein Ausnahmetalent bewies Verstappen schon im vergangenen Jahr, als er unter dem Pseudonym «Franz Hermann» bei Testfahrten in einem Ferrari angeblich einen Rundenrekord aufstellte. «Die Leidenschaft, mit der er das macht, zeigt, dass ihm der Rennsport wirklich alles bedeutet», erklärte sein langjähriger Wegbegleiter Helmut Marko, bis Ende des Vorjahres einflussreicher Berater des Red-Bull-Teams.
Todesfall bei Massencrash überschattet Testrennen
Als klar war, dass der Formel-1-Rennkalender in diesem Jahr genug Luft zur Vorbereitung und für den Start beim 24-Stunden-Rennen lassen würde, machte Verstappen Ernst mit dem Projekt Nordschleife. Einen Sieg bei einem Proberennen verlor Verstappen nur, weil sein Team regelwidrig einmal zu oft die Reifen gewechselt hatte. Auch aus der Ferne mischte er sich bei weiteren Rennen seines Teams ein, verfolgte den Datenstrom und gab immer wieder Hinweise zur Taktik und Abstimmung des Autos.
Wie gefährlich Verstappens Leidenschaft weiter ist, zeigte im April der tödliche Unfall des Finnen Juha Miettinen. Der 66-Jährige starb bei einem Massencrash während eines der Qualifikationsrennen. Am Tag danach stand auch Verstappen mit ernstem Gesicht im Kreis der Trauernden, ehe das Fahrerfeld wieder in die «Grüne Hölle» eintauchte. «Der Motorsport ist etwas, das wir alle lieben, aber Momente wie dieser erinnern uns daran, wie gefährlich er sein kann», sagte Verstappen.
Ein paar Wochen später hofft nicht nur der 28-Jährige auf eine große PS-Party an selber Stelle. Für seine treuesten Fans, die «Orange Army», ist eine eigene Tribüne aufgebaut. Alle Campingplätze sind ausgebucht. Für Verstappen sind die Ausflüge in diese Welt auch eine kleine Flucht aus dem derzeit für ihn manchmal frustrierenden Formel-1-Alltag. «Wenn es nach mir ginge, hätten wir in der Formel 1 ganz andere Autos. Deshalb macht mir manchmal auch das GT3-Racing Spaß, weil es einfach etwas normaler und weniger politisch ist», sagte Verstappen.

Schon im Vorjahr sorgte ein Auftritt von Max Verstappen auf dem Nürburgring für Aufsehen. (Archivbild) | Thomas Frey/dpa
Der Ärger über die neue Motorenformel der Formel 1, die seinem Vollgas-Talent weniger Raum zur Entfaltung gibt, soll auf der Nordschleife kurz vergessen sein. Nur zu gern würde Verstappen sogar noch öfter den Formel-1-Renner gegen ein Langstrecken-Modell eintauschen. «Wenn es etwa möglich gewesen wäre, bei den 24 Stunden von Spa anzutreten, dann hätte ich das in diesem Jahr auch gemacht», verriet er. Aussagen wie diese hatten zu Saisonbeginn die Spekulationen befeuert, Verstappen könnte sich am Jahresende dank einer Ausstiegsklausel sogar ganz aus der Formel 1 verabschieden.
dpa
Bild: Max Verstappen gehört zu den Mitfavoriten auf dem Nürburgring. (Archivbild) | Rebecca Blackwell/AP/dpa
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