
Nibelungen-Festspiele beginnen: Ein Sommernachtstraum am Dom
Eine Londoner Kult-Theatertruppe bringt Kriemhild als düstere Heldin nach Rheinland-Pfalz. Mit dabei: Sängerin Alice Merton - und Shakespeare-Flair unter freiem Sommerhimmel.
Worms (dpa/lrs) -
Worms macht Geschichte, wieder einmal. In einer der ältesten Städte in Rheinland-Pfalz wird der Nationalmythos der Nibelungen neu vermessen - ausgerechnet von einer britischen Theatercompagnie. Les Enfants Terribles heißt die Truppe aus London, die in England Kultstatus genießt - berühmt für bildstarke Inszenierungen zwischen Maskenspiel, Zirkus und Performancekunst. Am Freitag (17. Juli) feiert ihr Wormser Nibelungenstück «Die Hunnenkönigin» feierlich Premiere. Die Festspiele laufen bis zum 2. August.
Für Intendant Nico Hofmann ist die Zusammenarbeit mehr als ein exotischer Gastauftritt. «Wir wollten einen anderen Blick», sagt er. Die Briten brächten «diesen schwarzen Humor, diesen Sinn für Tragikomödie» mit. Er verspreche sich «eine echte Befruchtung - ästhetisch, emotional, theatralisch».
Warum die Welt in Flammen steht
An der Spitze des Ensembles stehen Oliver Lansley und James Seager. Ihre Arbeiten wirken oft wie ein Traum nach Mitternacht: poetisch, grotesk, verspielt. Und manchmal ein wenig unheimlich.

Für Intendant Nico Hofmann ist die Zusammenarbeit mit den Briten mehr als ein exotischer Gastauftritt. (Archivbild) | Uwe Anspach/dpa
Im Mittelpunkt steht diesmal die Burgunderprinzessin Kriemhild, die nach dem Tod von Drachentöter Siegfried in das Lager der Hunnen wechselt und zur mächtigsten Frau des Kontinents wird. «Die Hunnenkönigin» sei «eine theatrale Achterbahnfahrt», betonen die Veranstalter. «In deren Verlauf zeigt eine Figur, wie weit sie zu gehen bereit ist, um Gerechtigkeit wiederherzustellen - selbst, wenn sie dafür die Welt in Flammen setzen muss.»
Der Künstlerische Leiter Thomas Laue erlebt seit Monaten, wie die Briten den deutschen Mythos zerlegen und neu zusammensetzen. «Das wird interessant», sagt Laue. «Was entsteht, wenn man aus unterschiedlichen Theaterkulturen kommt und aus unterschiedlichen Sichtweisen auf diesen Stoff schaut?»
Die Bühne vor dem Dom hat ihre eigenen Gesetze
Für Laue gehört die diesjährige Produktion zu den am besten vorbereiteten seit Beginn der Festspiele 2002. Die britische Truppe beschäftige sich seit Jahren mit dem Stoff. «Es ist verrückt, wie akribisch die planen», sagt er. Mehrfach habe man sich in London getroffen. Dennoch werde vieles erst in Worms entschieden. Denn die Bühne vor dem Dom habe «ihre eigenen Gesetze».

In Großbritannien füllen die Produktionen von Oliver Lansley (rechts) und James Seager Theater und Hallen. (Archivbild) | Wolfgang Jung/dpa
Vor allem aber setzt die Inszenierung stärker auf Musik. Dafür gewannen die Festspiele die international erfolgreiche Musikerin Alice Merton, die mit dem Welthit «No Roots» ihren Durchbruch erzielte. Die Sängerin wird jeden Abend live auf der Bühne stehen. «Ich habe noch nie Musik für Theater gemacht», sagt Merton.
Als die Anfrage gekommen sei, sei sie zunächst unsicher gewesen. «Mein Herz sagte sofort Ja», erzählt die Musikerin. Gleichzeitig habe sie Sorge gehabt, «dass ich die Leute enttäusche». Deshalb schrieb sie einige Songs auf Probe. Mit dem Musiker Alexander Wolfe entstand Material, das die Festspiele überzeugte.
Ein Stoff voller Gewalt, Verrat und Rache
Die Lieder sollen mehr sein als Untermalung, sagt Merton. «Sie begleiten einerseits das Geschehen. Andererseits kann Musik das Publikum unmittelbar beeinflussen. Man sieht etwas, aber es wird unterstützt durch Musik.»
Gerade bei einem Stoff voller Gewalt, Verrat und Rache sei die Balance entscheidend. «Es soll eine emotionale Reise sein, aber es soll nicht überfordern», schildert Merton. Theater müsse atmen. «Es gibt Musik, die ein bisschen ruhiger ist. Dann gibt es Musik, die treibt.» Erstmals hat die Sängerin für das Stück auch deutsche Texte geschrieben.

Schauspielerin Maria Dragus steht in Worms erstmals auf einer Theaterbühne. (Archivbild) | Uwe Anspach/dpa
Maria Dragus betritt ebenfalls Neuland. Die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin («Das weiße Band») steht in Worms erstmals auf der Bühne. «Ich habe noch nie Theater gemacht.» Entsprechend empfinde sie «ein sehr durchwachsenes Gefühlsbad in einem sehr positiven Grundton».
Shakespeare am Rhein
Angst hat die 30-Jährige nicht. Die Arbeit mit den britischen Regisseuren entspreche stark ihrer eigenen Arbeitsweise. «Wir sprechen ein bisschen dieselbe Sprache», sagt Dragus. Das sogenannte Physical Theatre, also ein stark körperbetontes Spiel, gehöre ohnehin zu ihrer Technik.
Ihre Kriemhild werde keine eindimensionale Rächerin sein. Hinter jeder Vergeltung stehe ein menschlicher Schmerz, betont Dragus. Welche Kriemhild am Ende auf der Bühne stehe, müsse sie erst herausfinden. «Das ist ein Prozess.» Fest steht für sie aber eins: «Langweilig wird es auf keinen Fall». Dafür wird auch das Ensemble mit unter anderem Aram Tafreshian («Das Kraftwerk») und Jeanette Hain («Werk ohne Autor») sorgen.

Aram Tafreshian spielt den Hunnenkönig Etzel. (Archivbild) | Uwe Anspach/dpa
In diesem Jahr hat das Publikum Gelegenheit, besonders nahe am Geschehen zu sitzen: An der Hauptspielfläche entstehen seitlich erstmals zwei zusätzliche Tribünen. Der Schritt ist ganz im Sinne der Bühnenanordnung des berühmten Dramatikers William Shakespeare - eine Verneigung vor britischer Theaterkunst.
Nur für diese Ränge seien noch Karten erhältlich, teilten die Organisatoren zu Wochenbeginn mit (Preis 60 bis 71 Euro). Die Haupttribüne mit rund 1.400 Plätzen sei bereits für alle Vorstellungen ausverkauft. «Dieser herausragende Vorverkauf ist für uns eine wunderbare Bestätigung der Arbeit der vergangenen Jahre», meint Intendant Hofmann. «Es zeigt sich, dass sich die Nibelungen-Festspiele als fester kultureller Höhepunkt etabliert haben.»
dpa
Bild: Alice Merton erzielte mit dem Welthit «No Roots» ihren Durchbruch. (Archivbild) | Uwe Anspach/dpa
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