
Mehr queerfeindliche Gewalt - «Man sollte frei leben können»
Straftaten gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt haben sich in Rheinland-Pfalz binnen vier Jahren vervielfacht. Verbände berichten von einer wachsenden Angst vor Sichtbarkeit.
Mainz/Trier/Koblenz (dpa/lrs) -
Die Zahl queerfeindlicher Straftaten in Rheinland-Pfalz ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Nach einer Auswertung des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz (LKA) wurden 2025 insgesamt 118 gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt gerichtete Delikte registriert. Das waren fast zwölfmal so viele wie 2021 mit damals zehn Fällen.
Die Entwicklung gewinnt vor dem Hintergrund des jüngsten Anschlags am Rande des Berliner Christopher Street Day (CSD) mit einer Toten und mindestens 31 Verletzten zusätzliche Brisanz. Sicherheitsbehörden beobachten seit Jahren eine wachsende Zahl von Straftaten gegen queere Menschen und ihr Umfeld. In Koblenz findet vom 13. bis 16. August ein CSD statt.
Entwicklung schürt bei queeren Menschen Angst
Im ersten Halbjahr 2026 erfasste die Polizei im Bundesland bereits 33 Straftaten in den Unterthemenfeldern «sexuelle Orientierung» und «geschlechtsbezogene Diversität» des Oberthemenfelds «Hasskriminalität». Das teilte das Innenministerium der Deutschen Presse-Agentur mit.

Vielerorts sind queere Themen sichtbar und gut verankert - dennoch wächst auch die Sorge um die Sicherheit. (Symbolbild) | Roberto Pfeil/dpa
Die landesweite Statistik zur politisch motivierten Kriminalität zeigt einen nahezu kontinuierlichen Anstieg. Nach 10 registrierten Delikten 2021 wurden 2022 insgesamt 21 Fälle gezählt. 2023 sprang die Zahl auf 51, 2024 auf 80 und 2025 schließlich auf 118. Darunter waren etwa Körperverletzungen, Sachbeschädigungen und Bedrohungen.
Im Auswertezeitraum erfasste das LKA 36 Opfer queerfeindlicher Gewalttaten, darunter 32 Männer, 2 Frauen und 2 Personen mit dem Geschlechtseintrag «divers». Queerfeindliche Hasskriminalität gilt grundsätzlich als politisch motiviert, da sie sich gegen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität richtet. Zugleich lasse sich ein Großteil der Taten keiner eindeutigen extremistischen Ideologie zuordnen, hieß es, da homo- und transfeindliche Einstellungen in unterschiedlichen Milieus vorkämen.
«Ich wurde angegriffen und beleidigt»
Nach Einschätzung des Netzwerks SCHMIT-Z fühlen sich queere Menschen zunehmend unsicher im öffentlichen Raum. Die Meldestelle für queerfeindliche Gewalt in Rheinland-Pfalz verzeichne mehr Vorfälle, insbesondere Vandalismus sowie Beleidigungen und Beschimpfungen durch Fremde, teilte der Verein in Trier mit. Auch im Austausch mit anderen queeren Gruppen und dem Netzwerk Queernet Rheinland-Pfalz werde von einer Zunahme von Vorfällen berichtet.
Die Entwicklung schüre bei vielen queeren Menschen Angst und führe dazu, dass sie sich zunehmend zurückzögen, erklärte SCHMIT-Z. Gruppen veröffentlichten etwa nicht mehr, wo sie sich treffen, und queere Menschen hielten sich mit öffentlichen Aktionen oder Bekenntnissen zurück.

Die Entwicklung in Rheinland-Pfalz gewinnt vor dem Hintergrund des jüngsten Anschlags am Rande des Berliner Christopher Street Day (CSD) zusätzliche Brisanz. (Symbolbild) | Daniel Wagner/dpa
In Trier seien queere Themen aufgrund demokratisch orientierter Netzwerke und der Zusammenarbeit mit Stadtgesellschaft, Stadtverwaltung und Bistum bislang sichtbar und gut verankert. Dennoch wachse auch dort die Sorge um die Sicherheit. Der Verein verweist auf öffentliche Angriffe und Vandalismus, darunter Hakenkreuze auf Pride-Plakaten, sowie auf Hass und Drohungen im Internet gegen Veranstaltungen und Initiativen.
Auch Glööckler wurde angefeindet
«Die Aussage "Heute braucht sich kein Homosexueller mehr zu verstecken" ist einfach gesagt, wenn man es nicht selbst ausleben muss», sagte Harald Glööckler. Der Modedesigner hat in seiner Kindheit und Jugend Anfeindungen erlebt. «Ich wurde angegriffen und beleidigt, die Ablehnung wurde damals vom Staat mit Gesetzen noch unterstützt. Dass Menschen wieder überlegen, ob sie sich verstecken müssen, ist traurig», betonte der in der Pfalz lebende Künstler.
Es sei ein Kennzeichen der Situation, dass der jüngste Anschlag nicht nur in Berlin geschehen konnte. «Das hätte auch in Hamburg oder München passieren können», meinte Glööckler. «Leider. Das macht die Sache noch schlimmer.» In einer Demokratie sei auch der Staat gefragt, seine Bürger zu schützen. «Man sollte in einer Demokratie frei leben können. Das ist ja der Sinn der Sache.»

Der Modedesigner Harald Glööckler hat in seiner Kindheit und Jugend selbst Anfeindungen erlebt. (Archivbild) | Uwe Anspach/dpa
Junge Menschen teilten ihm mit, dass er ein Vorbild sei. «Da heißt es etwa: "Ihretwegen habe ich mich getraut, mich vor meiner Klasse und meinen Eltern zu outen"». Er selbst habe nie ein Coming-out gehabt. «Ich dachte, wenn die so blöd sind und das nicht merken, kann ich denen auch nicht helfen.»
Anderssein unter Generalverdacht
Grundsätzlich stelle er «mit Entsetzen und Bedauern» eine wachsende Ablehnung und Verurteilung queerer Menschen und Lebensweise fest, die immer mehr in Aggressionen und Gewalt ausufere. «Überhaupt habe ich das Gefühl», meinte Glööckler, «dass man mit Anderssein und Andersleben sofort unter Generalverdacht steht.»
dpa
Bild: Der CSD findet auch vielerorts in Rheinland-Pfalz statt - zum Beispiel wie auf dem Foto in Mainz (2025) oder jetzt im August in Koblenz. (Archivbild) | Andreas Arnold/dpa
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