Jüdisches Leben im Land: sichtbar - aber auch sicher?

 

Jüdisches Leben im Land: sichtbar - aber auch sicher?

Gemeinden suchen den Dialog, gleichzeitig müssen ihre Einrichtungen geschützt werden. Betroffene sprechen von einer Existenz oft zwischen Lebensfreude und Lebensgefahr. Ein Überblick zum 9. November.

Mainz (dpa/lrs) -

Der 9. November gilt als Schicksalstag der deutschen Geschichte - für Jüdinnen und Juden steht er besonders für die Pogrome von 1938. Wie ist es heute um jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz bestellt? Die Antisemitismusbeauftragte sieht viel Engagement, zugleich aber einen deutlich sichtbarer gewordenen Judenhass und wachsende Sorgen um die Sicherheit.

Was die Antisemitismusbeauftragte sagt

Die rheinland-pfälzische Antisemitismusbeauftragte Monika Fuhr nimmt im Bundesland ein vielfältiges jüdisches Leben und großes Engagement für dessen Sichtbarkeit wahr. «Rheinland-Pfalz ist ein Land mit einer langen und beeindruckenden jüdischen Kultur», sagt sie. Bei Besuchen erlebe sie, mit wie viel persönlichem Einsatz sich Menschen engagierten. Dazu gehörten jüdische Gemeinden ebenso wie zivilgesellschaftliche Initiativen, die Veranstaltungen organisierten oder sich etwa um den Erhalt von Synagogen kümmern.

Monika Fuhr ist seit 2022 Beauftragte für jüdisches Leben und Antisemitismusfragen in Rheinland-Pfalz. (Archivbild)

Monika Fuhr ist seit 2022 Beauftragte für jüdisches Leben und Antisemitismusfragen in Rheinland-Pfalz. (Archivbild) | Arne Dedert/dpa

Besonders am Herzen liegt der Beauftragten auch das Engagement der vielen Schülerinnen und Schüler, die sich in Musik- und Theaterprojekten mit jüdischer Geschichte und den Schicksalen jüdischer Menschen auseinandersetzten.

Stolz sei das Land auf die Unesco-Welterbestätten Speyer, Worms und Mainz, betont Fuhr. Rheinland-Pfalz sei das erste Bundesland gewesen, in dem jüdisches Welterbe diesen Titel erhalten habe.

Genauso wichtig sei aber auch die Erinnerung an die Geschichte über das jüdische Landleben. Wer zu allem mehr erfahren wolle, dem empfehle sie die Ausstellung «Shalom am Rhein» im Landesmuseum Mainz. Sie zeige mehr als 1.000 Jahre jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz.

Judenhass «viel offener und unverbrämter»

Mut machten ihr vor allem die vielen Menschen, die sich für jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz einsetzten. Gleichzeitig bereitet Fuhr der Antisemitismus große Sorge. Seit dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 trete Judenhass «viel offener und unverbrämter zutage».

Viele Jüdinnen und Juden zeigten ihre Identität aus Angst nicht mehr offen, schilderte die Antisemitismusbeauftragte. Manche versteckten ihre Kippa unter einer Mütze oder ihren Davidstern unter der Kleidung. Andere dächten sogar darüber nach, Deutschland zu verlassen. Auch der Antisemitismus an Hochschulen bereite ihr große Sorgen. Der jüngste Drohbrief an die jüdische Gemeinde in Speyer habe gezeigt, wie wichtig gesellschaftliche Solidarität sei.

Mit der Ausstellung „Shalom am Rhein“ erzählt das Landesmuseum Rheinland-Pfalz die Geschichte jüdischen Lebens. (Archivbild)

Mit der Ausstellung „Shalom am Rhein“ erzählt das Landesmuseum Rheinland-Pfalz die Geschichte jüdischen Lebens. (Archivbild) | Helmut Fricke/dpa

Das Land und die Sicherheitsbehörden stehen in engem Austausch mit den jüdischen Gemeinden, unterstrich Fuhr. Das im Januar beschlossene Landeskonzept für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus umfasse 11 Handlungsziele und 34 konkrete Maßnahmen. Geplant sei auch die Einrichtung eine Landesstelle zur systematischen Erfassung antisemitischer Vorfälle. «Ich setze mich dafür ein, dass Jüdinnen und Juden in Rheinland-Pfalz sicher leben und ihre jüdische Identität offen und selbstverständlich leben können.»

Was die Kultusgemeinde sagt

In Rheinland-Pfalz gibt es mehrere Jüdische Kultusgemeinden, eine davon ist Mainz-Rheinhessen. Sie möchte Einblicke in die jüdische Religion, Kultur und Gegenwart ermöglichen. «Wir verstehen uns als dialogische Gemeinde, die den Austausch mit der Stadtgesellschaft sucht», sagt Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky. Die Neue Synagoge biete dafür Vorträge, Musikabende, Ausstellungen, Diskussionen und öffentliche Führungen.

Ein Schwerpunkt sei das jüdische Erbe von Mainz als einer der drei sogenannten SchUM-Städte Speyer, Worms und Mainz. Die heutige Gemeinde verstehe sich zwar nicht als unmittelbare Fortsetzung der historischen Gemeinden. Sie wolle aber «auf dieses bedeutende Erbe und die damit verbundene Tradition aufmerksam machen» - etwa mit Bildungsarbeit.

Polizeipräsenz und Sorge gehören zum Alltag

Gleichzeitig sei jüdisches Leben in Rheinland-Pfalz von erheblichen Sicherheitsvorkehrungen geprägt. «Synagogen und jüdische Einrichtungen müssen geschützt werden.» Polizeipräsenz und die Sorge vor Angriffen gehörten zum Alltag. Seit dem 7. Oktober 2023 habe sich die Lage nochmals verschärft. Der Nahostkonflikt wirke sich hierzulande aus - «auf der Straße, in sozialen Medien und teilweise unmittelbar vor jüdischen Einrichtungen».

Das Ensemble der Schum-Stätten in Worms, Speyer und Mainz sollte nach Worten von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einen festen Platz auf der Landkarte der Erinnerung bekommen. (Archivbild)

Das Ensemble der Schum-Stätten in Worms, Speyer und Mainz sollte nach Worten von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einen festen Platz auf der Landkarte der Erinnerung bekommen. (Archivbild) | Uwe Anspach/dpa

«Sicherheitsfragen müssen wir bei Veranstaltungen und Gottesdiensten stets mitdenken», schildert Vernikovsky. Dass eine Synagoge bewacht werden müsse, damit die Gemeinde ihren Alltag ausüben könne, sei «keine Normalität, sondern ein ernstes gesellschaftliches Problem».

Entscheidend sei, ob Jüdinnen und Juden ihren Glauben «sichtbar und selbstbewusst leben können, ohne Angst haben zu müssen». Dafür brauche es staatliches Handeln und eine klare gesellschaftliche Haltung gegen Antisemitismus. Jüdisches Leben müsse man «nicht nur symbolisch unterstützen, sondern konkret schützen», erklärt der Rabbiner.

Was das LKA sagt

Die Zahl antisemitischer Straftaten in Rheinland-Pfalz bewegt sich seit 2023 auf einem annähernd konstant hohen Niveau. Nach Einschätzung des Landeskriminalamts (LKA) dürfte dazu auch der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der folgende Krieg im Gazastreifen beigetragen haben. Die damit verbundene gesellschaftliche Polarisierung und die Verbreitung antisemitischer Inhalte in sozialen Medien könnten bestehende Feindbilder verstärken und Menschen mit antisemitischen Einstellungen mobilisieren.

2023 registrierte die Polizei 171 antisemitische Straftaten, im Jahr darauf waren es 138. Die Zahl stieg 2025 auf 160. Zum Vergleich: 2022 waren 46 Fälle erfasst worden. Gewaltdelikte machten einen kleinen Teil aus. 2023 zählte die Polizei drei antisemitisch motivierte Gewalttaten, 2024 vier und 2025 zwei.

Meist sind Menschen das Angriffsziel

In den meisten Fällen richteten sich die Straftaten gegen Menschen. 2023 waren es demnach 153, 2024 insgesamt 127 und im vergangenen Jahr 153. Die Polizei unterscheide nicht zwischen tatsächlicher und zugeschriebener Religionszugehörigkeit. Deshalb lasse sich nicht sagen, wie viele der Angegriffenen tatsächlich jüdischen Glaubens gewesen seien.

Die ältesten der oft schräg stehenden und teils eingesunkenen Tafeln in Worms stammen aus dem 11. Jahrhundert. (Archivbild)

Die ältesten der oft schräg stehenden und teils eingesunkenen Tafeln in Worms stammen aus dem 11. Jahrhundert. (Archivbild) | Frank Rumpenhorst/dpa

In 41 Prozent der Fälle habe es sich um Volksverhetzungs- und Propagandadelikte gehandelt, die über das Internet oder soziale Medien verbreitet worden seien. Straftaten gegen Synagogen und andere religiöse Stätten lagen den Angaben zufolge im unteren einstelligen Bereich. Auch Friedhöfe sowie Gedenkstätten und Begegnungsstätten waren betroffen.

Mehrheit der Verdächtigen über 30

2025 registrierte die Polizei dort drei beziehungsweise acht Fälle. Insgesamt handelte es sich bei Angriffen auf Einrichtungen und Gedenkorte meist um Propagandadelikte, Sachbeschädigungen oder Störungen der Totenruhe.

Im Auswertezeitraum wurden 267 Straftaten aufgeklärt und 278 Tatverdächtige ermittelt. 232 waren männlich, 46 weiblich. Rund 70 Prozent waren zum Tatzeitpunkt älter als 30 Jahre.

Hohe Gefährdung trotz fehlender konkreter Hinweise

Konkrete aktuelle Gefährdungserkenntnisse lägen dem LKA derzeit nicht vor. Dennoch unterlägen jüdische und israelische Einrichtungen sowie Interessen weiterhin einer «hohen besonderen Gefährdung». Diese ergebe sich vor allem aus den Bereichen Rechtsextremismus und religiöse Ideologie.

Zudem könnten tagespolitische Ereignisse, etwa im Kontext des Nahostkonflikts, Täter zu unberechenbaren Handlungen bewegen. Das gelte insbesondere bei öffentlichen Veranstaltungen. Die Schutzmaßnahmen an jüdischen Einrichtungen befänden sich seit mehreren Jahren auf hohem Niveau, erklärt das LKA, und würden derzeit weiter als ausreichend bewertet.

dpa

Bild: Neben den Zentren am Rhein prägte über Jahrhunderte hinweg auch das jüdische Landleben in Dörfern entlang von Mosel, Nahe, Hunsrück und Saar die Region. (Archivbild) | Hannes P Albert/dpa

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Datum: 06.11.2026
Rubrik: Lokales
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