Deutsch-Iranerin sieht Bewusstseinswandel bei Protesten

 

Deutsch-Iranerin sieht Bewusstseinswandel bei Protesten

Das Leid im Iran belastet auch viele Menschen in der Diaspora, sagt die Mainzer Deutsch-Iranerin Donya Gilan. Wie die Psychologin die Situation wahrnimmt.

Mainz (dpa/lrs) -

Die Deutsch-Iranerin Donya Gilan leidet bei den Berichten über die brutale Niederschlagung der Massenproteste in ihrem Herkunftsland mit. «Mir schießen bei den Bildern die Tränen in die Augen und ich spüre körperlich die Verbundenheit zu dem Land», sagte die Psychologin der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. Leid werde auch körperlich verarbeitet.

Die Bilder und Berichte aus dem Iran könnten auch Menschen in der Diaspora stark belasten, sagte die promovierte Resilienzforscherin. Gerade bei den Exil-Iranern der ersten Generation könnten im Iran erlebte Traumata wieder aktiviert werden. Das Spannungsfeld aus Mitgefühl, Ohnmacht und Verantwortung wirke zudem langfristig stark belastend. 

Kommunikationssperren sind «psychologische Waffen» 

Gilan ist in Teheran geboren und 1986 mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen. «Iran ist meine Herkunft, ich fühle mich sowohl als Iranerin, als auch als Deutsche.» Bis 2019 sei sie regelmäßig in den Iran geflogen. Sie habe dort noch immer Cousinen, Tanten und Freunde, mit denen sie auch jetzt in Kontakt stehe, was wegen der Internet- und Telefonsperre anfangs sehr schwierig gewesen sei. Die Kommunikationssperren seien als «gezielt eingesetzte psychologische Waffe» zu verstehen.

Die Menschen im Iran haben nach Gilans Eindruck «so etwas wie einen Bewusstseinswandel» durchgemacht. «Die absolute Angst, die viele Jahre im Iran geherrscht hat, spüre ich nicht mehr, sondern eine Art Entschlossenheit», berichtete die Mainzerin. «Die Menschen sind in Gesprächen schon in der Zukunft; das System agiert aber noch in der Gegenwart.» 

Entschlossenheit anstelle von großer Angst

Viele Iraner denken laut Gilan bereits in Kategorien eines anderen politischen und gesellschaftlichen Lebens wie Würde, Rechte und Teilhabe, während der Staat weiterhin mit Instrumenten der Kontrolle, Einschüchterung und Abschottung reagiere. Die Menschen hätten eine enorme Widerstandsfähigkeit entwickelt, und gingen trotz der lebensbedrohlichen Bedingungen weiter auf die Straße. 

Parolen wie «Nieder mit der islamischen Republik» seien auch bei früheren Protesten vereinzelt zu hören gewesen, hätten nun aber eine andere Qualität erreicht. Sie würden breiter, offener und selbstverständlicher geäußert und markierten eine deutliche Distanzierung vom gesamten System. 

Schweigen erscheint kostspieliger als Handeln 

Viele Iraner seien am Existenzminimum, «weil sie nicht mehr wissen, wie sie ihre Familien ernähren sollen». Es habe sich eine Mentalität entwickelt: «Wir geben alles und wir haben nichts mehr zu verlieren», sagte Gilan und sprach von einem «ganz speziellen Ausnahmezustand». «Wenn wirtschaftliche Not, soziale Entwürdigung und politische Aussichtslosigkeit zusammentreffen, verändert sich die Risikowahrnehmung», erläutert die Expertin. Schweigen erscheine dann kostspieliger zu sein als Handeln. 

Durch die Demonstrationen erlebten die Menschen aber auch eine Art Selbstwirksamkeit oder Rückgewinnung von Kontrolle. Dies erkläre, warum viele trotz Erschöpfung weiter protestierten. 

Eine einzelne Person bringt keine Reformen

Der im Exil lebende Sohn des 1979 gestürzten Schahs, Reza Pahlavi, sei für viele eine Symbolfigur und eine Art Sprachrohr. «Gerade die Älteren projizieren ihre ganzen Träume auf diese Figur.» Er repräsentiere aktuell eine überparteiliche Stimme, finde aber im Ausland mehr Zuspruch als im Iran. Für viele Jüngere stehe weniger die Person als vielmehr die Suche nach Orientierung im Vordergrund. 

Eine einzelne Person bringe aber nicht die Reformen, «es muss auf die Institutionen gesetzt werden», sagte Gilan. «Der Iran ist ein Vielvölkerstaat.» Die Minderheiten müssten sich langfristig auch wiederfinden. 

Internationale Akteure müssten aktiv werden und den Außendruck steigern, so Gilan. Dabei brauche es mehr als Statements. Notwendig seien Unterstützung, Berichterstattung und Sanktionen gegen die Verantwortlichen im Iran. Die Unterstützung müsse jedoch so gestaltet sein, dass die sie die Eigenständigkeit der Bewegung nicht untergrabe.

dpa

Bild: Die Psychologin und Resilienzforscherin Donya Gilan sieht bei den Menschen im Iran einen Bewusstseinswandel. | --/Donya Gilan/dpa

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Datum: 18.01.2026
Rubrik: Lokales
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