Anderssein als Chance - wie Marcel Friederich zu sich fand

 

Anderssein als Chance - wie Marcel Friederich zu sich fand

Er war Sportjournalist, später ein Gesicht der Deutschen Fußball-Liga - und bog dann in eine andere Richtung ab. Wie Marcel Friederich, der mit dem Moebius-Syndrom lebt, zu sich fand.

Mainz (dpa) -

Den großen Wendepunkt in seinem Leben leitete Marcel Friederich vor rund anderthalb Jahren ein. Der heute 37 Jahre alte Mainzer und gelernte Sportjournalist war als Leiter der externen Unternehmenskommunikation bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in seiner Branche ziemlich weit oben angekommen. Er hatte Stationen beim FC Schalke 04 und bei RB Leipzig hinter sich. Er war Chefredakteur der Zeitschrift «BIG – Basketball in Deutschland». Dann entschied er sich für den Ausstieg aus dem Journalismus und stellte quasi seine Krankheit in den Mittelpunkt seines Tuns. 

Friederich lebt seit der Geburt mit dem Moebius-Syndrom, einer seltenen neurologischen Erkrankung, bei der Gesichtsnerven gelähmt sind. Das führt zum Beispiel dazu, dass sich bei ihm beim Lachen die linke Gesichtshälfte nicht mitbewegt und ein schiefer Gesichtsausdruck entsteht. Lange Jahre fühlte er sich weniger wert, glaubte, noch mehr leisten zu müssen als Menschen ohne eine Beeinträchtigung, wie er erzählt. «Ich habe das immer wie einen 100-Meter-Lauf des Lebens gesehen, bei dem ich mit 20 Metern Rückstand starte.»

Strandurlaub in Griechenland legte Schalter um

Er habe im Job nach einem geschafften Schritt immer schon an den nächsten Schritt gedacht, sei rastlos gewesen. Wenn er an freien Tagen weggefahren sei, habe er überlegt, welche Geschichte er aus dem Urlaub mitbringen könne. Als er vor einigen Jahren seine Partnerin kennengelernt habe, habe die einen Strandurlaub in Griechenland gebucht, sozusagen geplantes Nichtstun. Dort habe er viel über sich nachgedacht, das habe einen Schalter umgelegt. 

Inzwischen hat sich Friederichs Blick auf seine Krankheit stark geändert - wie auch sein Leben drumherum. Erst vor drei Jahren sprach er das erste Mal über sein Leben mit Behinderung, wie er erzählt - und zwar in dem Podcast «Moebius Syndrom - Lachen mit dem Herzen» von Constanze Weigel, die selbst Betroffene ist. «Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich überhaupt nicht, welche Kraft in dem Thema steckt», sagt Friederich rückblickend. Eine halbe Million Menschen hätten die Podcast-Folge gehört, viele hätten ihm geschrieben. 

Friederich wollte mit seinem Leben ins Reine kommen

Damals sei der Wunsch immer stärker geworden, mit seinem eigenen Leben ins Reine kommen zu wollen. «Ich wollte ein bisschen mehr reflektieren, weil sich in dem Moment viele Träume erfüllt hatten», erzählt er. Er habe seinen vermeintlichen Traumjob bei der in Frankfurt sitzenden DFL gehabt, habe dadurch nach Mainz zurückkehren können und seine Partnerin getroffen. 

Zuvor habe er sich immer nur als Sport- und Medienexperte definiert, sagt Friederich. «Wer der Mensch Marcel dahinter war, wusste ich nicht so wirklich.» Mit reichlich Vorlauf habe er dann seinen Ausstieg bei der DFL zum Jahresende 2024 vereinbart, sei ins Ungewisse gesprungen - bisher mit Erfolg, wie er sagt. 

Sein Buch «Mutmacher-Menschen: Schräg. Stark. Außergewöhnlich» erschien im November vergangenen Jahres. Friederich hält Lesungen, gibt Workshops, hält Vorträge in Unternehmen, tritt auf Personaler-Messen auf. «Das ist alles noch surreal, aber zeigt: Es ist ein Bedarf da für das Thema, respektvoll miteinander umzugehen.» 

Verein: Aufklärung ist wichtig

Insgesamt sind in Deutschland dem Verein Moebius Syndrom Deutschland zufolge rund 500 von der seltenen Krankheit betroffene Menschen bekannt. Es sei jedoch von einer Dunkelziffer im unteren sechsstelligen Bereich auszugehen. Oft werde die Erkrankung nicht erkannt, sie sei auch nicht meldepflichtig. Menschen mit Moebius-Syndrom würden oft unterschätzt und stigmatisiert, heißt es von dem Verein. Entsprechend wichtig sei Aufklärung. 

Wenn Betroffene wie Friederich mit seinem neuen Buch oder Constanze Weigel mit ihrem Podcast selbstbewusst und gestärkt an die Öffentlichkeit gingen, sei das äußerst wertvoll, sagt Vereinsvorstand Falco Schleier. Dies biete Einblicke in das Seelenleben betroffener Menschen und mache erfahrbar, was es bedeute, ohne Gesichtsmimik zu leben und zu kommunizieren.

Das eigene Gesicht als Chance für Aufmerksamkeit

Friederich geht es gar nicht mal nur darum, über das Moebius-Syndrom zu informieren und dafür zu sensibilisieren. Ihn bewege das übergeordnete Thema, wie Menschen miteinander umgehen. «Mein Gesicht ist ein schöner Aufhänger, viele bleiben an ihm hängen», sagt er. «Sie gucken mir ins Gesicht und fragen: "Was ist das für ein schräger Typ?"» Er sehe das mittlerweile als Chance, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Mit einem Smiley mit schrägem Grinsen wirbt Friederich für seine Mutmacher-Aktion.

Mit einem Smiley mit schrägem Grinsen wirbt Friederich für seine Mutmacher-Aktion. | Christian Schultz/dpa /dpa

«Wir haben alle Lebenspäckchen zu tragen, egal ob sichtbar oder nicht», sagt der gelernte Sportjournalist. Er wolle seinen Weg aufzeigen, wie er nach und nach damit umzugehen gelernt habe. Gerade weil er seine Krankheit so lange unter dem Deckmantel gehalten habe, habe der Schritt raus für ihn viele Fesseln gelöst. «Ich dachte, der Sport- und Medienexperte Marcel ist angesehen und führt das beste Leben», erinnert er sich. Freiheit habe ihm aber erst gebracht, über den Menschen Marcel zu sprechen. 

Eines seiner Hauptziele sei nun, mit seinem Wirken Menschen zu bestärken, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Damit einher gehe das Ziel, einen Beitrag zur Stärkung der Gesellschaft, der Demokratie in Zeiten von viel Populismus und Negativität zu leisten. Das klinge so groß, er habe aber bei sich im Kleinen gesehen, dass er in den Zeiten, in denen er mit sich nicht im Frieden gewesen sei, auch nicht so gut mit anderen umgegangen sei. 

Begegnung mit Hitzlsperger 

Sehr bewegt habe ihn die Geschichte von Ex-Fußballprofi Thomas Hitzlsperger, der nach dem Ende seiner Karriere seine Homosexualität öffentlich gemacht hatte. Hitzlsperger habe ihm erzählt, dass er in seiner Zeit des Verheimlichens regelrecht implodiert sei. Und Hitzlsperger habe ihm auch bewusst gemacht, dass dessen Anderssein nicht anzusehen sei - im Unterschied zu einer Lähmung des Gesichts. «Die nicht sichtbaren Päckchen sind häufig die schwerwiegenderen, weil man sich nicht traut, darüber zu sprechen», sagt Friederich. 

Wenn er mit seiner jetzigen Arbeit versuche, Berührungsängste abzubauen, Mut zu machen und für Rücksicht zu werben, wolle er das nie mit erhobenem Zeigefinger tun, betont der 37-Jährige - «sondern mit positivem Spirit, auch mit ein bisschen Selbstironie». Auch deswegen verteilt er bei Veranstaltungen Aufkleber mit einem Smiley mit schiefem Grinsen. Das Thema Inklusion müsse ein Stückweit aus der Jammerecke kommen, findet er.

dpa

Bild: Lange Jahre fühlte sich Marcel Friederich weniger wert, glaubte, noch mehr leisten zu müssen als Menschen ohne eine Beeinträchtigung. | Christian Schultz/dpa /dpa

Alle News aus der Region in der TV Mittelrhein & WWTV App. Jetzt kostenfrei downloaden!

Datum: 23.01.2026
Rubrik: Lokales
Das könnte Sie auch interessieren