Was Nonnenmachers und Pagenstechers verbindet

 

Was Nonnenmachers und Pagenstechers verbindet

Wissenschaftler in Mainz haben sich viel vorgenommen: Über insgesamt 24 Jahre forschen sie an Entstehungsgeschichten von Familiennamen. Die Ergebnisse sind für jedermann einsehbar.

Mainz (dpa/lrs) -

Von Nonnenmacher bis Pagenstecher - Sprachwissenschaftler in Mainz machen sich in einem Langzeit-Forschungsprojekt auf die Suche nach den Ursprüngen von Familiennamen in Deutschland. Ihre Erkenntnisse fließen in ein online für jeden frei nutzbares digitales Familiennamen-Wörterbuch ein. Das ist seit 2015 im Internet zu finden und wächst alle 14 Tage ein Stück weiter. 

Es handelt sich um ein Projekt der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität (JGU) und der Technischen Universität (TU) Darmstadt. Es begann 2012 und läuft noch bis 2036. Neun Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umfasst das Team unter Leitung der Germanistin Rita Heuser plus Hilfskräfte. 

Datensatz zu Festnetz-Anschlüssen als Grundlage 

Sie arbeiten vor allem mit einem Namens-Datensatz der Deutschen Telekom von 2005, Grundlage der Datenbank sind Telefonbuch-Einträge. Damals habe es noch viele Festnetz-Anschlüsse gegeben, sagt Heuser. Ursprünglich seien es rund eine Million Datensätze gewesen. Diese seien um sehr seltene Namen und um Doppelnamen bereinigt worden. Übrig blieben circa 850.000 Namen, denen sich die Wissenschaftler teils in mühsamer Kleinarbeit widmen. 

Im Durchschnitt werden in dem Online-Wörterbuch pro Monat rund 800 Namen ergänzt, schätzt Heuser. Es werde nicht alphabetisch vorgegangen, häufige Namen würden zuerst abgearbeitet. Vorrang haben Namen wie Müller, Maier Schulz oder Schmidt in allen Schreibweisen oder Zusammensetzungen. Dazu kommen Diminutive und andere Ableitungen sowie verwandte Namen, wie Heuser erklärt - Verkleinerungsformen, wie der von Schmidt abgeleitete Name Schmittler. «Das alleine dauert alles schon sehr lange.»

Forscher schauen zurück bis ins 13. Jahrhundert

Das Akademienprogramm insgesamt sei deutschlandweit das einzige für langfristige geisteswissenschaftliche Forschung, betont Präsidentin Andrea Rapp. Es gehe um Grundlagenarbeit, die sich eben nicht in wenigen Jahren machen lasse. Das Projekt zu Familiennamen sei schlicht super. «Man kann sprachhistorisch ganz viel erklären, man kann soziologisch ganz viel erklären. Und es bedeutet Menschen ja auch ganz viel, zu wissen, wo der eigene Name oder die eigene Familie herkommt - das ist mit Emotionen verbunden.» 

«Man kann sprachhistorisch ganz viel erklären, man kann soziologisch ganz viel erklären», sagt Akademie-Präsidentin Rapp zu dem Familiennamen-Projekt. (Archivfoto)

«Man kann sprachhistorisch ganz viel erklären, man kann soziologisch ganz viel erklären», sagt Akademie-Präsidentin Rapp zu dem Familiennamen-Projekt. (Archivfoto) | Michael Brandt/dpa

Die Mainzer Forscher gehen zurück bis ins 13. Jahrhundert, schauen beispielsweise nach Berufen aus dieser Zeit und aus den folgenden Jahrhunderten. Denn auf sie gehen viele häufige Familiennamen zurück. Wenn es etwa zwei Hans in einem Dorf gegeben habe, sei nach einem augenscheinlichen Unterscheidungsmerkmal gesucht worden. Das sei oft der Beruf gewesen. Anfangs habe es sich eher um Beinamen gehandelt, erst später seien diese zu Familiennamen geworden, die auch Verwandte führen. 

Alte Berufsbezeichnungen spielen Rolle 

So mancher Nachname werde heute kaum noch mit einem Beruf in Verbindung gebracht - so im Fall von Nonnenmacher. Der Name geht zurück auf das Wort Nonne, mittelhochdeutsch für sowohl für die Klosterfrau als auch für ein kastriertes Schwein. Ein Nonnenmacher war der, der ein Schwein kastrierte. 

Die gleiche Aufgabe habe ein Berenstecher gehabt, sagt Heuser. Ber ist ein alter Begriff für Eber. Und im Mittelniederdeutschen steht Page für Pferd. Der Pagenstecher sei ergo ein Pferdekastrierer gewesen. Es standen also auch regional sehr unterschiedliche Berufsbezeichnungen Pate für Namen. 

Deutschland sei vielfältig in seinen Namen, erklärt Heuser. Das liege an der Lage mitten in Europa, Wanderungsbewegungen, Austausch in Grenzregionen sowie der Vielfalt an Dialekten. Der Name Nowak komme aus dem Slawischen. Im Südwesten gebe es den Namen Schwalie vom französischen Chevalier für Ritter. 

«Es wird nie langweilig» 

«Es wird nie langweilig», sagt Heuser. Hinter jedem Namen stecke eine Geschichte, das sei faszinierend. Sie und die anderen Wissenschaftler durchforsten unter anderem Namenliteratur, regionale Familiennamen-Wörterbücher oder auch Lexika zu Berufsbezeichnungen sowie Rufnamen. 

Sei die regionale Verteilung von Nachnamen früher ziemlich stabil gewesen, habe sich das durch die gestiegene Mobilität nach und nach relativiert. Und doch seien bis heute Maiers und Mayers eher im süddeutschen Raum und Meyers eher in Nordwestdeutschland zu finden. Auch Wanderungen spiegelten sich wider. Heute sei der Name Scholz weit verbreitet in Deutschland, ursprünglich habe es ihn oft in Schlesien gegeben. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien von dort Geflüchtete auf das gesamte Bundesgebiet verteilt worden. 

Der mit Abstand häufigste Familienname in Deutschland ist erwartungsgemäß Müller, weil der Beruf des Müllers sehr häufig gewesen sei, sagt Heuser. Einzig in einem Gebiet im südlichen Bayern ist Müller seltener. Dafür gibt es Heuser zufolge dort Zusammensetzungen, zum Beispiel Weißmüller oder Obermüller. 

Wenn Müller zu Molitor wird

Manchmal bezögen sich Namen auf Rufnamen wie im Fall von Franz, Fritz oder Peter sowie auf persönliche Eigenschaften. Letzteres sei nicht immer schmeichelhaft gewesen, sagt Heuser - «manchmal sogar gemein». Nicht gerade freundlich klinge zum Beispiel der Name Spinnenhirn, auch wenn sich nicht mehr nachvollziehen lasse, was damit genau gemeint gewesen sei. 

Man dürfe nicht den Fehler machen, Namen von der heutigen Sprache ausgehend zu deuten, merkt Heuser an. Längst nicht jeder Richter habe Vorfahren an Gerichten. In Sachsen und Schlesien etwa sei mit dem Wort Richter auch der Dorfvorsteher gemeint, eine Person, die eine Gemeinde gelenkt hat.

Mehr oder weniger abgeschlossen sei die Entwicklung von Familiennamen in Deutschland im 16. Jahrhundert gewesen. «Da hatte fast jeder einen Familiennamen.» Außer durch Einwanderung sei später kaum mehr etwas dazugekommen - mit Ausnahmen wie dem Trend aus dem 16. Jahrhundert, seinen Namen zu «lateinisieren». Mancher Müller sei so zum Molitor geworden.

Namenbildung sagt viel über Geschichte und Kultur

In vielen anderen europäischen Ländern habe es ähnliche Muster bei der Entstehung von Namen gegeben, sagt Heuser. Anders in anderen Teilen der Welt: In China existieren demnach viel weniger Nachnamen, in der Türkei entstanden sie erst unter Kemal Atatürk. In Island gebe es bis heute keine Familiennamen, nur Nachnamen, die nicht vererbt werden. Namensgebend für Kinder seien hier nach wie vor die Väter. Wenn der Einar heiße, werde eine Tochter zu einer Einarsdóttir und ein Sohn zu einem Einarsson. «Namenbildung sagt also auch viel über Geschichte und Kultur eines Landes aus.»

dpa

Bild: Die Akademie der Wissenschaften und der Literatur widmet sich langfristigen geisteswissenschaftlichen Forschungsprojekten. (Archivfoto) | Andreas Arnold/dpa

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Datum: 24.03.2026
Rubrik: Lokales
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